Kein Zeichen von Schwäche

«Wozu Sonnencreme? Ich bin Hitze gewohnt, die Sonne kann mir nichts anhaben!», ist Tiefbauarbeiter Max überzeugt, während sich auf seinem knallroten Oberkörper allmählich Brandblasen bilden. Er fürchtet sich weder vor ansteckenden Krankheiten, noch vor dem oft zitierten Klimawandel. Sein Credo lautet: «Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!», wobei er den Glauben an einen helfenden Gott längst ins Land der Märchen verbannt hat. Wenn er sich nicht selber hilft, dann hilft ihm niemand, auch kein Gott. 

Als er in der Mittagspause den mitgebrachten Proviant auspackt, macht ihn Baggerführerkollege Felix auf seinen gefährlich roten Rücken aufmerksam, reicht ihm eine Tube Sonnencreme und meint: «Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich zu schützen!» Max grinst, weil in diesen Worten eine versteckte Botschaft mitschwingt. Kürzlich hatte er Felix wegen dessen Glauben an Gott und Jesus angefeilt und ihm vorgehalten, an Gott zu glauben, sei ein Zeichen von Schwäche, doch wer das nötig hätte, bitte sehr… 

Felix hatte daraufhin nur still gelächelt, jetzt kommt offenbar die Retourkutsche. Max muss zugeben, dass er diesen Kollegen schätzt. Für Felix scheint es kein Zeichen von Schwäche zu sein, sich bei der Arbeit zu schützen und dennoch jeden Schutz von Gott zu erwarten. Er sieht auch keinen Widerspruch darin, alle Hilfe von Gott zu erwarten und gleichzeitig selber anzupacken oder andere um einen Dienst zu bitten. Ein Satz von Felix, offenbar aus der Bibel, ist Max hängen geblieben: «Wenn Gott nicht das Haus baut, dann arbeiten umsonst, die daran bauen; wenn Gott nicht die Stadt behütet, dann wacht der Wächter umsonst!» Vielleicht sind das Benützen von Sonnencreme und der Glaube an Gott tatsächlich kein Zeichen von Schwäche. 

22.07.2021 :: Herbert Held