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Ein tiefschürfender ­Moment mit Elvis

«Love me tender, love me sweet, never let me go...», schmachtet Elvis dezent aus einem Lautsprecher, der in die Wand eingelassen ist. Darunter hängt ein Kunstdruck. Eine monochrome Berglandschaft spiegelt sich in einem See. Ich tippe auf Hodler. Genau kann ichs nicht sagen. 

In mein tränenverschleiertes Blickfeld schiebt sich ein Gesicht, dann noch ein zweites. Beide blicken auf mich herunter. Sie tragen weisse Hygieneschutzmasken vor Mund und Nase. Ich sehe auch eine Hand. Sie gehört zum ersten Gesicht und hält ein blutverschmiertes Zahnarztinstrument, einen dieser kleinen Kratzhaken, an dem mutmasslich Fetzen meines Zahnfleisches hängen.

«Gehts bei Ihnen, Herr Heiniger?», fragt eines der Gesichter. Ich nicke stumm.

«Da und da müssen Sie nochmal. Sehen Sie? Sie müssen da richtig tief gehen», wendet sich die Stimme nun an die Person mit dem Kratzhaken.

Der Haken nähert sich wieder meinem Mund. Ich schliesse die Augen und lausche der Stimme von Elvis.

Eigentlich gehe ich nicht ungerne zur Dentalhygiene. Noch lieber gehe ich jeweils nachher wieder nach Hause. Nie fühlt sich mein Gebiss reiner,
sauberer und glatter an. Wie ein Haus nach einem gründlichen Frühlingsputz, wenn man dann mal einen macht. Richtig, richtig sauber.  

Ob es für mich in Ordnung sei, wenn die dentalhygienische Behandlung heute durch die Lernende vorgenommen werde, fragte man mich diesmal, als ich bereits gefasst und in aufgeräumter Stimmung auf dem Behandlungsstuhl sass oder eher lag, die Beine ausgestreckt, die Hände verschränkt. Die Frage wirkte beiläufig. «Von mir aus», gab ich zur Antwort. Bei mir dachte ich, die Lernende müsse ja auch mal an jemandem üben. Man muss doch den jungen Leuten die Möglichkeit geben, Erfahrungen zu sammeln, und da ich ja schon da war… Was dann kam – nun, wie soll ich sagen? – Auf jeden Fall wurde an mir geübt.

Da es etwas länger gedauert habe, werde mir natürlich nicht der gewohnte Ansatz verrechnet, sagte man mir anschliessend. Die Rechnung war dann allerdings nur marginal tiefer als bei einer herkömmlichen Behandlung.
Die Dauer machte den Rabatt wieder wett. Aber was solls.

Meine Zähne sind gesund, mein Zahnfleisch ist nachgewachsen und die Lernende ist heute bestimmt eine grossartige Dentalhygienikerin. Es hat sich also gelohnt. Einzig Elvis kann ich seitdem nicht mehr so unbeschwert hören.

Bald habe ich wieder einen Termin in der DH. Man gönnt sich ja sonst nichts.

15.08.2019 :: Peter Heiniger, Langnau

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