Interview mit dem Virus

Vor zwei Tagen bot sich mir die seltene Gelegenheit, ein Interview mit einem Corona-Virus zu führen. Da ich denke, dass sich momentan viele für diesen Virenstamm interessieren, möchte ich es hier wiedergeben. 


Guten Tag. Können Sie sich bitte kurz vorstellen? 

Ich heisse Wulongti. (Spricht extrem leise und hoch). Meine Ururgrosseltern stammen aus Wuhan in China. Im Frühling kam ich nach Norditalien und vor gut einer Woche gelang es mir, in die Schweiz einzureisen.


Was gedenken Sie hier zu tun?

Wir, und da spreche ich für alle meine Artgenossen, haben keine Wahl: Entweder es gelingt uns, in menschliche Zellen einzudringen oder unsere Art geht kläglich zu Grunde.


Können Sie verstehen, dass wir Menschen uns von Ihnen bedroht fühlen?

Sehen Sie, wir hatten nie die Absicht Menschen etwas Böses anzutun. Wie jedes Lebewesen kämpfen wir einfach um den Erhalt unserer Spezies. Doch die Menschen wollen uns regelrecht ausrotten. Was hier abgeht, ist Krieg. 


Aber Sie bringen ja auch Menschen um.

Ja leider, wir bedauern das sehr und möchten uns dafür entschuldigen. Das war nie unsere Absicht. Wir wollen einfach überleben. Aber die Menschen sind totale Egoisten. Sie sehen nur sich und vergessen, dass auch andere Arten überleben wollen. Der Mensch hat schon so viele Pflanzen- und Tierarten ausgerottet. Jetzt will er auch noch uns ausrotten. Das Gemeine ist ja, dass die Menschen ohne uns überleben können aber wir nicht ohne sie! (Mein Gesprächspartner kommt immer mehr in Rage).


Bitte beruhigen Sie sich.

Wie soll ich mich beruhigen (schreit immer mehr), wenn mein Volk brutal millionenfach mit Desinfektionsmittel umgebracht wird, wir nirgends willkommen sind und wir überall vertrieben werden. Sehen Sie: Ich habe manchmal richtig genug vom Leben! Wir wollen uns doch nur fortpflanzen wie jede andere Spezies auch. Die einzige Hoffnung ist, dass wir endlich zu einer für den Menschen ungefährlichen Form mutieren und wir so friedlich mit den Menschen koexistieren können. 


Was wünschen Sie sich persönlich?

An Weihnachten möchte ich meine Verwandten in Wuhan besuchen. Aber schon Zugfahren ist für uns extrem schwierig geworden. Umso schwieriger wird es sein, in ein Flugzeug nach China zu gelangen. Uns werden einfach überall Steine in den Weg gelegt.


Danke für das spannende Gespräch.

22.10.2020 :: Anton Brüschweiler

Weitere Artikel