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Alles eine Frage der Technik

Anlässlich einer kulturellen Veranstaltung bin ich im Gastronomiemuseum in Hilterfingen zu einem Apéro riche eingeladen. Es gibt Butterzopf und Hobelkäse, Essiggürkchen und Dörrobst. Dazu wahlweise Weisswein oder Fruchtsaft. Teller gibt es keine, Besteck auch nicht, dafür Papierservietten. Man unterhält sich nett und betrachtet zwischendurch die Ausstellung in den Vitrinen.

Ich lerne unter anderem, dass die Kirche im Mittelalter die Gabel am Esstisch ablehnte, da man in ihr ein Symbol des Teufels sah. Aha, lieber schmutzige Finger und fleckige Westen als einen Miniaturdreizack als Essbesteck. Interessant.

Ich meistere den Balanceakt mit Glas, Zopf und Hobelkäse einigermassen souverän, wie ich finde. Als ich mich kurz darauf bücke, um mir rasch die Schnürsenkel zu binden, landet überraschend ein Stückchen Hobelkäse auf meinem Schuh. «Nanu, wo kommt jetzt der Käse her?», frage ich mich, wische ihn weg und richte mich wieder auf. Da beschleicht mich jäh die leise Ahnung, dass ich den Käse die letzten paar Minuten schon mit mir herumgetragen habe. Auf dem Kragen, oder noch wahrscheinlicher: in meinem Bart. Meine Unfähigkeit zum gesitteten Käsekonsum war für alle gut sichtbar, nur für mich nicht. Peinlich. Damit erklärt sich dann auch der irritiert belustigte Blick meiner Gesprächspartnerin von vorhin. Die hätte ja auch etwas sagen können. Um einer solchen Blamage vorzubeugen, sollte man sich bei Fingerfood-Veranstaltungen wohl grundsätzlich an Speisen halten, die weder krümeln noch kleckern. Dörrfrüchte und Gemüsestreifchen, ohne Dipp. Aber, wo bliebe da der Spass? Besser, man eignet sich Methoden an, um der Situation gewachsen zu sein. Bei Blätterteiggebäck zum Beispiel liegt der Trick im Saugen. Ich habe herausgefunden, wenn man beim Abbeissen diskret an dem Gebäck saugt, lässt es sich mit minimalem Krümelaufkommen verspeisen. Natürlich darf man nicht gierig daran herumzuzeln, das wirkt wenig vorteilhaft. Zudem besteht das Risiko, dass die Krümel in die Atemwege gelangen, man muss husten und die ganze Krümelprävention war für die Katz. Mit ein wenig Übung und dem rechten Mass an Selbstbeherrschung gelingt es. Leider lässt sich Hobelkäse sehr schlecht saugen. Bestimmt gibt es aber eine Technik, bei der man nicht Gefahr läuft, sich unfreiwillig den Bart mit Käsespänen zu dekorieren? Für Hinweise bin ich dankbar. Bis ich die 

geeignete Technik kenne, muss ich in Gesellschaft wohl oder übel darauf verzichten. Oder ich nehme nächstes Mal einfach eine Gabel mit. 

 

10.10.2019 :: Peter Heiniger ist unter anderem Slam-Poet.

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