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Banaba

Ich komme gerade von unserem Hühnerstall. Jeden Tag ein frisches Ei und sonntags auch mal zwei. Es ist eine Freude. Aber was diese drei Tierchen – ein Hahn und zwei Hennen – an Mist produzieren, ist schier unglaublich. Da erhält die Redewendung vom Kleinvieh eine ganz neue Grössenordnung. Irgendwo, mitten im Pazifik liegt eine Insel, ziemlich ab vom Schuss, die ist so klein, dass ihre Mitte beinahe schon der Rand ist. Banaba heisst sie. Der Name hat mir auf Anhieb gefallen. Banaba. Das klingt exotisch. Das klingt nach Ferienparadies, nach Sonne, nach Palmenstrand und nach etwas Fruchtigem zum Trinken. Mit Schirmchen. Aber das täuscht. 

Banabas Boden ist extrem phosphorhaltig. Die Insel besteht nämlich zur Hauptsache aus versteinertem Vogelkot, den eine riesige Kolonie von Fregattvögeln über die Jahrtausende hat fallen lassen. Ein bisschen graust es mich deshalb vor diesem Banaba. Auch wenn das Zeug ja versteinert ist, sind es doch immer noch Kubikmeter und Kubikmeter von ... na, Sie wissen schon. Stellen Sie sich das einmal vor! Ich habe Banaba vor Längerem in einem Buch über Inseln entdeckt. Lange konnte ich die Geschichte ja auch kaum glauben. Aber seit wir unsere drei Hühner haben, wird die Vorstellung, dass genügend Vögel eine ganze Insel «machen» können, irgendwie realistisch. 

Guano, die Stein gewordene Hinterlassenschaft, verwendet man in der Düngemittelindustrie. Das leuchtet ein. Wenn wir bei uns daheim den Hühnerstall ausmisten, kommt der Mist ja auch in den Garten. Da man Banabas Boden abbaut, um ihn auf anderen Böden rund um den Globus zu verteilen, und aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels, schrumpft die Insel. Für die paar verbliebenen Eingeborenen mit ihren eigenwilligen Tätowierungen ist das bestimmt nicht lustig.

Aber Banaba ist weit weg. Und manche Sachen will man gar nicht so genau wissen. Das vergällt einem nur die Bilder, die man sich in Gedanken ausgemalt hat. Wenn sich das vermeintliche Paradies als Scheisshaufen herausstellt, zum Beispiel. Am besten, wir vergessen es einfach.

Banaba bleibt die Insel mit dem klingenden Namen. Man kann die Augen schliessen und seinen Fantasien nachsinnen.

Guano ist eigentlich auch ein schöner Name. Viel zu schön für das, was er bezeichnet. Wüsste man es nicht besser, könnte man sich vieles darunter vorstellen. Zum Beispiel etwas Fruchtiges zum Trinken, finden Sie nicht?

Und was mache ich jetzt mit dem Ei? Einen Pisco Sour, vielleicht. Irgendwo habe ich doch noch Cocktail-schirmchen.

20.06.2019 :: Peter Heiniger, Langnau

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