Not macht erfinderisch (Folge 1)

Das Erfinden ist ja mein eigentliches Kerngeschäft. Ich erfinde zum Beispiel Geschichten und Kolumnen, mit denen ich den geneigten Lesenden einen Bären aufbinde; ich erfinde schier täglich neue Geräte und Hilfsmittel, die mir im greisen Alter erlauben, vermeintlich unüberwindbare  Herausforderungen zu bewältigen. Und davon gibt es ja nun täglich mehr als genug. 

Bereits die unvermeidliche Ernährung erfordert mein erfinderisches Handeln, zumal ich allergattig Kartoffelgerichte sehr mag. Wäre da nur nicht dieses lästige und mühsame Schälen, ich hätte Kartoffeln schon früherbereits zum Zmorge, zum Zmittag und zum Znacht gegessen. Dank meiner effizienten Schältechnik leiste ich mir heute oftmals gar noch hurtig eine Kartoffel als Bettmümpfeli. 

Sie werden jetzt bestimmt gleich staunen, wie einfach meine geniale Erfindung ist. Die Lösung heisst
nämlich: Bohrmaschine und Schleifscheibe. Genial, gell! 

Und ich habe diese Technik inzwischen perfektioniert! Anfänglich hielt ich in der einen Hand die zu behandelnde Kartoffel, in der anderen Hand die Bohrmaschine. Dieses Verfahren birgt allerdings gewisse Risiken, denn oft sind dann nicht bloss die Kartoffeln, sondern auch die Finger geschält. Ich empfehle also dringend, den Küchentisch mit einem soliden Schraubstock auszurüsten, in diesen die Bohrmaschine einzuspannen und dann die Kartoffeln mit spitzen Fingern an der hochtourig rotierenden Schleifscheibe zu enthäuten. Ganz einfach.

Zugegeben, das Verfahren ist noch nicht ganz ausgereift und wird in der jetzigen Form bei meiner näheren Bekanntschaft, im Speziellen bei meiner Frau, noch nicht wirklich geschätzt, genauer gesagt: abgelehnt. Nun ja, nach meinem Verfahren sieht die Küche dann jeweils ziemlich renovationsbedürftig aus und das Reinigen bleibt dann halt an meiner Frau hängen. Dies natürlich nur, weil ich für das Putzen bisher noch keine taugliche Erfindung gemacht habe.

Aber auch die anderen Hausbewohner können sich mit meiner Schältechnik nicht besonders anfreunden, sie scheinen alle etwas lärmempfindlich zu sein, vor allem, wenn ich mir um Mitternacht noch mein Bettmümpfeli schäle.

Sollten Sie mich nun anrufen wollen, um meine Schälmaschine einmal mietweise auszuprobieren, so verzweifeln Sie nicht, wenn ich Ihren Anruf nicht entgegennehme, ich bin möglicherweise gerade am Schälen und höre deswegen das
Klingeln nicht.

22.09.2022 :: Peter Leu

Weitere Artikel