Schrecklich schnecklich

Auch wenn die ersten September-
wochen mit spätsommerlichen Schönwettertagen doch noch etwas versöhnlich stimmten, so bleibt mir der nasse Sommer doch in schneckliger Erinnerung. Ich erinnere mich nicht, in meinem doch schon längeren Leben je einmal eine derartige Schneckeninvasion gesehen zu haben. Wenns wenigstens Weinbergschnecken gewesen wären! Aber nein, es waren diese ekligen, rötlichbraunen Rossschnecken, auch rote Wegschnecke (Arion rufus) oder Grosse Rote Wegschnecke genannt, welche zu Hunderten Trottoirs, Wege, ja, ganze Landschaften verschleimten.

Sie glauben gar nicht, wie froh ich bin, dass ich bloss Schuhgrösse 42 trage, so schaffte ich es auf meinen Hundespaziergängen ab und zu, den Fuss auf eine schneckenfreie Fläche zu setzen. Die meiste Zeit wandelte ich allerdings primaballerinamässig auf Zehenspitzen. Ich zog schon ernsthaft in Erwägung, ob ich die Wanderschuhe gegen Balletschühchen tauschen soll.

Das hätte aber bedeutet, dass ich die Schneckenplage widerstandslos akzeptiert hätte. Das entspricht jedoch nicht meinem Charakter. Ich entschied mich stattdessen, den Kampf gegen dieses Kriechgetier aufzunehmen. Bloss wie?

Wäre ich der Besitzer eines Helikopters oder wenigstens eines entsprechenden Pilotenscheins, hätte ich die Arion rufus mittels Giftsprühregen grossflächig vernichten können. Das wäre ja einigermassen erlaubt, das Schweizervolk hat das Pestizidverbot ja schliesslich abgelehnt. Aber die zu erwartenden Kolateralschäden hielten mich, ganz abgesehen vom fehlenden Helikopter, von derart drastischen Massnahmen ab. Das Igelgemetzel auf unseren Strassen muss ja nicht auch noch durch Schneckengift erweitert werden.

Aber «Igel», fuhr es plötzlich wie ein Blitz durch meine sieben Hirnzellen, «Igel» ist die taugliche Kampfmassnahme gegen die Schnecken. Als Mann der Tat begann ich sogleich mit dem aufwändigen Bau einer Igel-Farm, wälzte wissenschaftliche Bücher über Igelzucht und bildete meinen Hund zum Igelspürspezialisten aus, um möglichst rasch zu einem Zuchtpärchen zu kommen. In meiner Euphorie sah ich mich schon als schwerreichen Inhaber eines florierenden Igelkonzerns, träumte von mit Igelkäfigen gefüllten Lastwagen, die meine Igel in die ganze Welt liefern.

Und dann… Ja, dann hörte der Dauerregen auf, und damit verschwanden von einem Tag auf den andern auch die Schnecken. Und das war nun erst recht eine Katastrophe, fand ich doch nicht mal mehr genügend Schnecken, um meine Igel zu füttern. Aber auch davon lasse ich mich nicht entmutigen, ich habe jetzt angefangen, auch noch eine Rossschnecken-Farm aufzubauen. Nun bin ich also Chef eines krisensicheren Geschäfts und muss mich nicht mehr mit der brotlosen Kunst herumplagen.

23.09.2021 :: Peter Leu

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