Anmelden
Kommentare

Ziemlich genau vor einem Jahr las ich in der Online-Ausgabe einer grossen Schweizer Boulevard-Zeitung folgenden Kommentar: «zum glück stand der auf dem surfbrett und war nicht im auto. So hat er wenigstens keine anderen gefährdet. mein Beileid». Nebst dem, dass der Kommentarverfasser – sein Kürzel war C. G. – wohl etwas Mühe mit der deutschen Grammatik hatte, überlegte ich mir, was den Schreiberling zu diesen Zeilen bewegt hat. 

Sein Kommentar bezog sich auf einen Presseartikel über den tragischen Unfalltod eines Mannes, welcher im Neuenburgersee vom StandUp-Paddle gestürzt war und ertrank. Kennt der Schreiber schlechte Autofahrer, welche auf See bei aufkommendem Wind vom Brett fallen würden? Oder sind alle Surfprofis gute Autofahrer? Wie kommen die Leute auf solche Kommentare? 

Weiter frage ich mich, ob sich C. G. vorgestellt hat, was zu diesem Unfallzeitpunkt auf dem See vorgefallen ist. Dass seine Frau und die Enkelkinder vom Ufer aus hilflos zusehen mussten, wie der Mann vom Stand Up Paddle fiel, danach zuerst dem Brett im Wasser nachgeschwommen ist und die weissen Haare dann plötzlich verschwanden? Dass die Tochter, der Sohn und der Schwiegersohn des Verunfallten nach ihm gesucht haben und nach ihm getaucht sind? Dass seine Tochter, welche mit einem anderen SUP zu Hilfe eilte, den leblosen Körper im See unten sah, nach ihm tauchte, ihn aber nicht erwischen konnte? Dass sie sich Vorwürfe macht, warum sie so fest nach Hilfe schrie und seinen Standort in den paar Sekunden wegen starken Windes verloren hat und ihn danach im Wasser nicht wiederfinden konnte? Dass die Rega-Mitarbeiter den Mann aus dem Helikopter zirka 45 Minuten später genau an diesem Ort sichteten und sein Sohn während der Reanimationsversuche noch immer auf ein Wunder hoffte? 

Ich bin mir sicher, dass sich C. G. das alles nicht vorgestellt hat. Sonst wäre er wohl selber auf die Idee gekommen, dass ein solcher Kommentar sehr unwissend ist. Oder ist es einfach die Zeit der Digitalisierung, dass man sich ohne zu überlegen der Welt kund tut? 

Das Herz des 71-jährigen Mannes hat während des Schwimmens im kalten Wasser aufgehört zu schlagen. Gott sei Dank durfte er seine zwei letzten Lebenswochen im Kreise seiner Frau, seiner Kinder, seines Schwiegersohnes, seiner Schwiegertochter und der sieben Enkelkinder verbringen. Und ja, ich möchte mich bei C. G. noch für sein Beileid bedanken – es war mein geliebter Vater.

02.08.2018 :: Eva Hürlimann, Hasle, ist Mama von drei wunderbaren Kindern und Ausdauersportlerin aus Freude.

Weitere Artikel

Am letzten verlängerten Wochenende weihte der Jodlerklub Flühli die wunderschöne...
Wo ist die Zeit geblieben? Gerade eben noch habe ich eine Kolumne geschrieben und nun darf ich...
Es geht mir mies. Schuldgefühle quälen mich von morgens bis abends und erst recht in der...
Kolumne: Als ich vor elf Jahren in die Schweiz kam, schaffte ich mir sofort zwei Katzen an – quasi als...
Ich komme gerade von unserem Hühnerstall. Jeden Tag ein frisches Ei und sonntags auch mal...
«Die Reise gleicht einem Spiel. Es ist immer Gewinn und Verlust dabei und meist von der...
Kolumne: Diesen Frühling war ich zusammen mit einer Kollegin im Ausgang und wir besuchten ein...
Der Schweizerische Vorlesetag war zwar letzten Mittwoch, aber Sie können Ihren Kindern, liebe...
12345678
Wochen-Zeitung
Brennerstrasse 7
3550 Langnau i. E.
Tel. 034 409 40 01
Fax 034 409 40 09
info@wochen-zeitung.ch
Redaktion: 034 409 40 05
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag
07:30 - 12:00 Uhr
13:30 - 17:00 Uhr