Ich weiss nicht, ob ihr auch einen habt, einen Monsieur Jaques. So einen muffigen, inneren Kritiker. Ich habe einen. Er klagt mir sein Leid und trötet in den höchsten Tönen die negativsten Schlagzeilen der Welt durch meinen Kopf. Er zettelt Konflikte an. Wenn mir jemand sympathisch ist, sucht er misstrauisch nach Fehlern des Gegenübers. Monsieur Jaques wertet über Nachbarn, Bundesräte, Familienmitglieder und vor allem über mich. Er macht es so subtil, dass ich es meist gar nicht merke, dieser Hänschen-Klein! Er stellt sich kritisch gegenüber jeder meiner innovativen Ideen. Er motzt und trotzt: «Tu das bloss nicht, denn das wäre zu gefährlich, zu riskant, zu provokant, zu tolerant, zu arrogant, zu ignorant, zu lieb, zu böse, zu kritisch, zu weltoffen, zu weltfeindlich.» Egal was ich mache, er schnauzt mir ein kritisches «zu» hinzu. Es ist immer «zu» bei Monsieur Jaques. Oh, warten Sie schnell, er hat auch zu dieser Kolumne eine klare Meinung. Ich stelle mal auf Lautsprecherdurchsage: «Was? Du schreibst über mich. Wer will so einen Quatsch überhaupt lesen. Dann erst noch bei dieser Weltlage. Hast du keine grösseren Probleme? Und wie siehst du heute wieder aus? Zum Glück sehen das die Leser und Leserinnen nicht. Solltest du nicht eigentlich zu deiner Tochter schauen, der Haushalt ist auch noch nicht gemacht.» Lange habe ich wie erstarrt zugehört. Ich bin wie eine verrückt gewordene Biene herumgeschwirrt und habe versucht, Monsieur Jaques gerecht zu werden. Doch heute stelle ich Monsieur Jaques so leise, dass ich nichts mehr von ihm höre. Den Regler für die Herzfrequenz drehe ich hingegen maximal auf. Alles entspannt sich in meinem System; alles, ausser Monsieur Jaques. Er wird nervös, versucht böse Faxen zu machen. Doch der Radiosender «von Herz zu Herz» erreicht sogar meinen unsicheren, kleinen Negativpfeifer. Er lässt sich etwas erweichen, wird schon fast zahm. Lehnt sich hin und wieder auf. Ab und zu stösst er ein empörtes «das geht jetzt aber zu weit» hervor. Doch je länger der Herzfrequenz-Sender läuft, desto weicher wird er, bis er schliesslich friedlich und zahm wie ein Stubenkater vor sich hin schnurrt, mein stolzer Monsieur Jaques. Sieh, und heute sendet er sogar Briefe an alle übel gelaunten Monsieurs Jaques da draussen. In diesen steht liebevoll hingekritzelt:
«Lasst uns Frieden üben,
HERZLICHE Grüsse.
Euer Monsieur Jaques»