Haben Sie es schon bemerkt? Der Frühling kommt. Ob es noch einmal schneit, oder noch einmal Reif die Gräser frühmorgens weiss färbt, der Frühling kommt. Vielleicht sind Sie auch schon an einem Morgen vor die Tür getreten und haben gezögert, weil die Luft anders war. Wärmer, weicher, als hätte sich etwas gelöst. Wenn ich jetzt durch die Hügel gehe oder fahre, sehe ich es: Das Grün kehrt nun zurück, unaufgeregt. Die Höfe stehen da wie immer, und doch ist es nicht mehr dasselbe wie noch vor einigen Wochen. Menschen sind wieder draussen, die Farben kehren zurück. Der Frühling drängt sich nicht auf - er geschieht. So wie auch manches in unserem Leben nicht durch unsere Anstrengung wächst, sondern durch Geduld kommt. «Alles hat seine Zeit», heisst es im Buch Kohelet. Auch das Warten, auch das Werden. Das leise Summen, das Zwitschern der Vögel im Wald, die Erde, die man wieder riechen kann, all das erzählt von einem Werden, das wir nicht machen können. Es wird uns geschenkt. Ja, im Leben muss es manch-mal schnell gehen. Und Arbeit braucht es auch. Ok. Das Werden im Frühling lehrt mich aber, dass nicht alles immer schneller, grösser, sichtbarer werden muss. Vertrauen besteht manchmal darin, die Dinge wachsen zu lassen. Es geschehen zu lassen, weil ich gar nichts dazu tun kann, geschweige denn muss. Vielleicht ist der Frühling eine Einladung, das wieder einmal zu üben - im Kleinen wie im Grossen. Ich lade Sie ein: Bleiben Sie doch am Morgen oder nach dem Mittag einfach einen Moment stehen und hören Sie hin. Dazu braucht es gar nichts Besonderes: Ein offenes Fenster genügt. Ein Schritt hinaus vor die Türe. Einatmen, ausatmen und dann ein kurzer Gedanke, ein stilles Gebet. Nicht als Pflicht, sondern als Antwort auf das, was längst begonnen hat. Denn der Frühling erinnert leise daran: Neues Leben wächst oft dort, wo wir es nicht erzwingen - sondern erwarten können.