Chemieunterricht im Wald – und damit erst noch Geld verdienenv

Chemieunterricht im Wald – und  damit erst noch Geld verdienenv
Die Kinder müssen den Kohlenmeiler Tag und Nacht beobachten, damit das Holz nicht zu brennen beginnt. / Bild: Schüpbach Rebekka (rsz)
Langnau: Bereits zum zweiten Mal stellten die Oberstufenschülerinnen und -schüler der Rudolf Steiner Schule selber Holzkohle her. Als der praktische Teil ihres Chemieunterrichts.

Es ist kühl an diesem Morgen, nur wenige Grad über Null. Schon von Weitem verraten Rauchwolken, wo im Schützenwald sich die drei Kohlemeiler befinden. «Frau Marienfeld, es brennt!», ruft ein Schüler, der vor einem rauchenden kleinen Hügel kniet. Eigentlich sollte es im Innern dieses Meilers nur glimmen, damit das Holz verkohlt und nicht verbrennt. Zum Glück weiss die Lehrerin Rat. Schnell werden deshalb bestimmte Löcher im Meiler verstopft und weiter unten mit dem Locheisen weitere gestochen. «Mit der kontrollierten Luftzufuhr steuern wir das Feuer. Ein Meiler brennt von innen nach aussen und von oben nach unten ab», erklärt Susanne Marienfeld den Vorgang. Offensichtlich, so wird bald klar, ist das Köhlerhandwerk eine Wissenschaft für sich.


Veredelung von Sturmholz

Ihren ersten grossen Meiler baute die Oberstufe im letzten Jahr. «Wir überlegten, was man mit dem Holz anfangen könnte, das der Sturm Burglind gefällt hat», sagt ihre Lehrerin und Miteigentümerin des betroffenen Waldstücks. Durch einen Film kam sie auf die Idee des Köhlerns und lernte das Handwerk in Bramboden. Schliesslich entstand im Rahmen des Chemieunterrichts das erste Köhler-Projekt. Mit dem Verkauf der selbst gemachten Grillkohle finanzierten die Jugendlichen ihr Klassenlager. 


Viel Muskelkraft und Fachwissen

Geld möchten sie auch in diesem Schuljahr verdienen. Doch der Weg ist das Ziel für die 21 Siebt-, bis Neuntklässler. Eine Woche vor dem Anzünden der Meiler war viel Muskelkraft gefragt: Das getrocknete Holz wurde gespalten und die Scheite kreisförmig zu einer Kuppel aufgeschichtet. Für jeden der drei Kohlenmeiler benötigten sie eineinhalb Ster Holz. Als Nächstes schichteten sie Tannenreisig darauf und zum Schluss wurde das Ganze mit «Löschi», einem Gemisch aus Lehm und Walderde, abgedichtet. Zuoberst in der Mitte der Kuppeln platzierten sie jeweils einen Deckel über der freibleibenden Öffnung. Durch diese Luke wird der Glimmbrand regelmässig mit Holzhäcksel genährt.


Die Nacht im Wald war saukalt

Schliesslich wurden die Meiler angezündet. «Der Verkohlungsprozess dauert bei dieser Grösse rund 48 Stunden», weiss die Lehrerin. Deshalb hätten alle im Wald übernachtet. «Es war saukalt!», berichten einige der Schülerinnen und Schüler, die entweder in einer Jurte, im Zelt oder sogar in einer Hängematte unter freiem Himmel nächtigten. Andere halten dagegen, sie hätten warm gehabt oder gar geschlafen wie ein Stein. Besonders das Aufstehen mitten in der Nacht erlebten die meisten als Herausforderung. Immer zwei Personen pro Gruppe mussten alle paar Stunden «ihren» Meiler im Auge behalten: Wasser darüber giessen, wo Risse entstanden, Löcher bohren oder Holzhäcksel nachfüllen. Lehrer Yves Bönzli ist diesbezüglich des Lobes voll: «Es klappte sehr gut. Niemand hat seine Schicht verschlafen.» Überhaupt hätten alle gut zusammengearbeitet. Auch die Jugendlichen berichten von ihren Highlights. Wie etwa der Feuerschau, die sie am Vorabend mit brennenden Fackelstäben machten oder wie schön es war, generell etwas mit der ganzen Klasse zu unternehmen. Für dieses Jahr ist das Abenteuer fast vorbei. Bald geht es wieder nach Hause – jedenfalls für die meisten der Beteiligten. Susanne Marienfeld bleibt vor Ort, bis der Verkohlungsprozess abgeschlossen ist. Bis um drei Uhr morgens wird es dauern, bis sie auch den letzten Meiler zum Überwintern mit einer Plane abdecken kann. Erst im nächsten Frühling wird die Klasse wieder kommen, um die Kohle zu ernten. In Säcken à drei Kilogramm verpackt, wird diese anfangs Grillsaison verkauft. Mit dem Erlös will die Klasse ein Theaterprojekt finanzieren.

Nach dem Köhlern ist vor dem Köhlern. «Die Schülerinnen und Schüler sprachen bereits davon, im nächsten Jahr einen Kohlemeiler mit zehn Ster Holz zu bauen», erzählt Marienfeld. «Ich bin gespannt!»

25.11.2021 :: Rebekka Schüpbach (srz)