Letztes Wochenende sass ich auf der Dachterrasse meiner Tochter in der badischen Sonne. Ich klebte mit den Augen am Smartphone und sog jede Nachricht über den Krieg im Nahen Osten auf. Fotos von Bombeneinschlägen, von verzweifelten Menschen, von jubelnden wie hasserfüllten Gesichtern, von Bunkern, von festsitzenden Ferienreisenden an den Flughäfen - dies alles stürzte auf mich herein. Doch dann wurde meine masochistische Show jäh unterbrochen vom Nachbarn, der seine vier Kinder versuchte in Schach zu halten, während er den Garten umgrub. Die Rasselbande bewarf sich kreischend mit Erde und plötzlich brüllte der Vater: «Schluss jetzt! Spielt doch mal was Vernünftiges, verdammt nochmal!» Und schon war ich in meinen Erinnerungen an die Zeit mit meinen kleinen Töchtern gefangen: Ich sah sie, wie sie in Sonntagsklamotten bis zum Bauch im Gartenteich standen. Oder wie sie zusammen mit einer Freundin so lange Trampolin auf einem Glastisch sprangen, bis der mit lautem Knall zerbrach, wie durch ein Wunder ohne Verletzte. Die Liste an Spielen jenseits der Vernunft war lang. Dann fiel mir noch eine peinliche Geschichte ein. Ich ging mit meinen vierjährigen Zwillingsmädchen auf ein Sommerfest im Park, wo auf einer Wiese ein Schauspieler auf einem Podest die Geschichte eines traurigen Zwergs spielte. Zusammen mit anderen Kindern standen meine beiden ganz vorne und ein Kind fing an den Darsteller mit Gras zu bewerfen. Im Handumdrehen schlossen sich alle Kinder an und warfen mit allem, was sich ihnen bot. Die Verzweiflung im Gesicht dieses Mannes sehe ich heute noch. Diese Gruppendynamik der Kinder graust mich immer noch. Ich zwängte mich durchs Publikum, schnappte meine Töchter an ihren Kapuzen und schleifte sie vom Tatort. Ich hab ihnen nicht erklärt, dass man sowas nicht macht. Ich hab sie hilflos angebrüllt: «Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?» Im Auto heulten sie dann Rotz und Wasser. Ich glaube, sie verstanden gar nicht, was sie verbrochen hatten. «Die anderen Kinder haben das doch auch gemacht», hörte ich aus dem Heulen heraus. Sie vermuten sicherlich schon, worauf ich hinaus will. Ich frag mich einfach, ob es dem Menschen gegeben ist, Krieg zu führen oder vermeintlich Schwache zu demütigen? Ob Gras, Steine oder Bomben - einer fängt an, andere machen mit, als ob sie sich infiziert hätten. Die Geschichte kennt unzählige grauenhafte Beispiele und wir lernen nicht dazu. Wie sagte Nachbars-Vater? «Spielt doch mal was Vernünftiges, verdammt noch mal!»