Direkt nach meinem letzten Rennen der Saison in Kanada reiste ich weiter nach Kolumbien. Dort kam ich zwangsläufig
auch mit der Geschichte von Drogenboss Pablo Escobar in Berührung. In den 80er-Jahren beispielsweise liess er für
seinen privaten Zoo vier Flusspferde aus Afrika importieren. Nach seinem Tod kümmerte sich niemand mehr um die Tiere
- und ohne natürliche Feinde vermehrten sie sich rasant. Heute stellen diese Flusspferde ein ernsthaftes Problem für
das Ökosystem dar: Als invasive Tierart stören sie durch ihre Ausscheidungen das Gleichgewicht der Gewässer und
verdrängen einheimische Arten. Die kolumbianische Regierung hat deshalb beschlossen, einen Teil der Tiere töten zu
lassen, um das ökologische Gleichgewicht zu schützen. Natürlich verbietet
sich ein direkter Vergleich zwischen Escobar und unserer Gesellschaft.
Sein Verständnis von Konsequenzen war vermutlich ein völlig anderes -
und die gravierendsten Folgen seines Handelns liegen ohnehin ganz woanders. Trotzdem warf diese Geschichte bei
uns eine interessante Frage
auf: Wie gehen wir eigentlich selbst mit den Folgen unseres Handelns um? Ich habe den
Eindruck,
dass vielen Menschen Konsequenzen im Alltag oft nur wenig bewusst
sind. In diesem Zusammenhang gefällt mir der Begriff «Vollkaskogesellschaft»: Wir handeln oft, ohne lange
nachzudenken, und wissen gleichzeitig, dass es Systeme gibt, die uns im Zweifel auffangen - Versicherungen,
soziale Sicherungsnetze, klare Regeln. Das hat unbestreitbare Vorteile. Diese Absicherung ermöglicht es vielen
Menschen überhaupt erst, Risiken einzugehen - ein Unternehmen zu gründen, eine Spitzensportkarriere zu verfolgen
oder neue Wege auszuprobieren. Gleichzeitig zeigt
sich aber auch eine Kehrseite. Wenn wir uns zu sehr daran gewöhnen, Risiken
auszulagern, besteht die Gefahr,
dass wir Verantwortung ebenfalls delegieren oder im Nachhinein vor allem nach Schuldigen suchen. Man hat als
Angestellte den Lohn, auch wenn man gerade nicht arbeiten möchte - viele sind gar nicht mehr darauf angewiesen,
durchzubeissen. Das hilft weder der eigenen Entwicklung noch dem Umgang miteinander. Ich habe das Ganze nicht
recherchiert, es ist mehr meine Beobachtung, auch jetzt im Vergleich zu Kolumbien: Ich denke, Wohlstand und
Absicherung führen nicht automatisch zu weniger Verantwortungsbewusstsein - oft ermöglichen sie erst bewusstere
Entscheidungen. Es ist also beides möglich: Absicherung kann befähigen oder bequem machen. Entscheidend ist, wie
wir damit umgehen.