Vom Sägemehl-Ring aufs Rugby-Feld

Vom Sägemehl-Ring aufs Rugby-Feld
Dank dem Schwingsport bringt Colin Schlüchter (weisses Stirnband) gute Voraussetzungen fürs Rugby mit. / Bild: zvg
Rugby: Der ehemalige Schwinger Colin Schlüchter tauschte das Sägemehl gegen den Ovalball. Er lancierte nicht nur eine zweite Karriere, sondern fand auch die Freude am Sport wieder.

Die Sportart Rugby begeistert Colin Schlüchter seit seiner Kindheit. Es sei immer «ein Träumli» von ihm gewesen, Rugby nicht nur am Fernsehen zu verfolgen, sondern selbst auszuüben. Als Sohn eines Schwingers sei es jedoch naheliegend gewesen, dem lo­kalen Schwingklub beizutreten. Mit Erfolg: Schlüchter gewann insgesamt sieben Kränze an Verbands- und Kantonalfesten und qualifizierte sich 2022 für das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Pratteln – der Höhepunkt seiner Karriere. Doch der Traum von der körperbetonten Teamsportart liess ihn nie vollständig los. Im August 2023 besuchte der damals 26-Jährige erstmals ein Training beim NLC-Team Rugby Thun. «Ich wollte mir später nie vorwerfen müssen, es nicht probiert zu haben.» Sich zu diesem Entschluss durchzuringen, fiel dem ehemaligen Schwinger dennoch nicht leicht. «Darf ich das überhaupt», fragte er sich, «als Teil einer Schwingerfamilie dem Schwingsport untreu werden?»


Rugby ist mehr als ein Ausgleich

Die Zwischenlösung, Rugby als Ausgleich zum Schwingen zu betreiben, sollte sich nicht lange bewähren. Der gebürtige Langnauer fand schnell Gefallen an der neuen Sportart. Gleichzeitig lief es ihm im Sägemehl nicht mehr wie gewünscht. Nach seiner erfolgreichsten Schwingsaison 2022 wurde er im darauffolgenden Sommer seinen eigenen Erwartungen nicht mehr gerecht. Mehrere kleine Verletzungen schlichen sich ein. Schlüchter kämpfte mit Motivationsproblemen und stellte sich vermehrt Gewissensfragen. «Lohnt es sich, so viel Zeit zu investieren, wenn ich nicht mit Erfolg belohnt werde?» Als sich der 29-Jährige in seinem ersten Rugbyspiel sogleich eine Schulterverletzung zuzog, wurde für ihn klar: «Ich muss zuerst das Schwingen beenden, um richtig mit dem Rugby starten zu können». Nach einer Reise nach Neuseeland, einem regelrechten Rugbyland, sowie zahlreichen Gesprächen mit seinem engsten Umfeld, beendete Schlüchter im April 2025 mit gutem Gewissen seine aktive Schwingerkarriere. «Mir wurde definitiv bewusst: Ich war nicht glücklich, wie es war. Mein Leben brauchte einen Wechsel.»


Gute Basis dank dem Schwingsport

Von vorne anfangen musste Schlüchter in der für ihn neuen Sportart nicht. «Im Schwingen und im Rugby sind es ähnliche Körperteile, die trainiert werden müssen», meint er und spricht dabei insbesondere die Nacken- und Beinkraft sowie Schulter- und Rumpfstabilität an. Er bringe zudem «Masse und Robustheit» aus dem Schwingsport mit, könne seiner Mannschaft so zu Durchschlagskraft und Stabilität im Gedränge verhelfen. Er sei ein ruhiger Typ auf dem Feld, diskutiere kaum mit den Schiedsrichtern. Vom Schwingen habe er gelernt, was Respekt bedeute. Ein Wort, welches auch im Rugby gross geschrieben wird. Statt dem Gegner Sägemehl vom Rücken abzuwischen, steht man ihm nach der Partie Spalier, applaudiert und schliesst den Spieltag mit gemeinsamem Essen und Trinken ab. Er geniesse diese Lockerheit, sei allgemein weniger verbissen als noch zu Kranzfestzeiten, sagt Schlüchter. Die Angst vor dem Verlieren sei ihm in der Einzelsportart viel präsenter gewesen als heute, da der Erfolg nicht mehr nur von ihm abhängig ist.


Playoff-Final am Samstag

In Spielverständnis und Ausdauer habe er noch Verbesserungspotenzial, findet der in Zäziwil wohnhafte Schlüchter. «Ich war nie so der Läufer. Ich war es gewohnt, maximal fünf, sechs Minuten am Stück die Spannung aufrechtzuerhalten. 80 Minuten hohe Intensität geht durchaus auf die Pumpe.» Dank seines Ehrgeizes machte er in beiden Bereichen jedoch schnell Fortschritte. «Ich wollte von Anfang an konkurrieren und Verantwortung auf dem Feld übernehmen.» Dies nimmt er sich insbesondere für den kommenden Samstag vor: In Yverdon stehen die Playoff-Final-Spiele in allen Schweizer Rugbyligen an. In insgesamt neun Ligen (vier Herren-, zwei Damen- und drei Nachwuchsligen) wollen sich Teams beider Geschlechter in der Westschweiz zum Meister krönen. «Wir werden alles dafür geben, gegen Würenlos zu gewinnen und uns somit den Aufstieg in die NLB zu sichern», sagt Schlüchter. Wer in der Favoritenrolle ist, sei schwer zu sagen. «51 zu 49 Prozent zugunsten von Thun», meint er und lacht. Die Hauptsache sei jedoch, dass man es geniesse, das Finale überhaupt spielen zu dürfen. Dies gehe oft vergessen, sei im Amateursport aber besonders wichtig. Rund 70 Personen würden am Sonntag mit einem Fan-Car nach Yverdon reisen und seine Mannschaft vor Ort unterstützen. Nach dem Saisonhighlight wird er dann auch wieder vermehrt im Sägemehl anzutreffen sein. In der Off-Season besuche er immer wieder Trainings und leite das Einwärmen. Der gelernte Schreiner, der aktuell in einem 100-Prozent-Pensum im Hausdienst des Kunstmuseums Bern arbeitet, ist nach wie vor der Technische Leiter des Schwingklubs Langnau und hat es «noch immer super mit den Jungs». Selber schwinge er nur noch, um Athleten seines Klubs zu unterstützen. Er stelle sich ihnen als Gegner zur Verfügung und gebe Tipps, damit sie sich verbessern können. So bleibt er mit dem Schwingsport nach wie vor verbunden, auch wenn sich sein sportlicher Fokus aufs Rugbyfeld verlagert hat.

Rugby - in der Schweiz noch eine Randsportart

Während 80 Minuten (zwei Halbzeiten à 40 Minuten) versuchen zwei Teams mit je 15 Spielern, möglichst viele Punkte zu erzielen. Je nach Aktion gibt es zwei, drei oder fünf Punkte. Charakteristisch für Rugby ist folgende Regel: Der Ball darf nur nach hinten oder seitlich gepasst werden, nach vorne ausschliesslich mit dem Fuss. Der ballführende Spieler darf unterhalb der Schultern getackelt werden, gefährliche Tacklings sind verboten. Nach einem Tackle muss der Ball sofort freigegeben werden. Eine Mannschaft besteht aus acht kräftigen Stürmern («Forwards») und einer siebenköpfigen, schnellen, kreativen Hintermannschaft («Backs»). Bei den Olympischen Spielen wird die schnellere Variante «Rugby Sevens» mit nur sieben Spielern pro Team und kürzerer Spielzeit ausgetragen. Während Rugby in Ländern wie Neuseeland, Südafrika oder England Nationalsportstatus geniesst, ist die Sportart in der Schweiz bislang weniger populär. Dank Noah Caluori, einem aufstrebenden britischen Talent mit Schweizer Wurzeln, erfährt Rugby zuletzt auch in den Schweizer Medien etwas mehr Aufmerksamkeit.

28.05.2026 :: Jael Heim