Unterwegs mit einem Kulturgut

Unterwegs mit einem Kulturgut
Ein Vertreter der Postautos aus den 60er-Jahren - der Frontlenker hat nun die Schnauzenbusse abgelöst. Hier im Bild unterwegs bei Arni. / Bild: Florian Gächter
Langnau - Moosegg - Biglen: Auf der geschichtsträchtigen Linie über die Moosegg verkehren auch diesen Sommer historische Postautos. Ihr Trägerverein feiert sein zehnjähriges Bestehen und zugleich 120 Jahre Postauto in der Schweiz - mit einem neuen Buch.

Das Postauto gehört zu unserem Land wie kaum ein anderes Fahrzeug. Über Jahrzehnte hinweg bildeten in der Schweiz entwickelte und fabrizierte Busse das Rückgrat der Postautoflotte - und verbanden abgelegene Täler mit dem Rest des Landes. Auch auf der Strecke Langnau-Moosegg-Biglen rollten sie einst regelmässig. Heute tun sie es als fahrendes Museum.


«Das Postauto ist ein Stück Kulturgut»

Auf der 14 Kilometer langen Route betreibt der Trägerverein Historische Postautolinie (THP) historische Fahrzeuge aus den Jahren 1940 bis 1990. In diesem Jahr hat der Verein gleich doppelten Grund zu feiern - zehn Jahre Bestehen und 120 Jahre Postauto in der Schweiz. Präsident Mario Gächter hat zum Jubiläum ein Buch verfasst. Im Vorwort der soeben erschienenen Pub­likation schreibt der Autor: «Das Postauto ist ein unverzichtbarer Bestandteil des öffentlichen Verkehrs und gleichzeitig ein Stück Schweizer Kulturgut.» Es lohne sich deshalb, einen vertieften Blick in die Geschichte der Institution zu werfen. Das Buch schaut auf 120 Jahre Postautogeschichte zurück - von den Anfängen 1906 bis heute. Es stellt die Fahrzeuge aus der Sammlung des Vereins vor und enthält ein eigenes Kapitel zur historischen Postauto­linie über die Moosegg. Zahlreiche Fotos machen es zu einem Zeitdokument. Das Postauto habe, erklärt Gächter im Gespräch, die Entwicklung - aber auch den Niedergang - der Schweizer Nutzfahrzeugindustrie wesentlich mitgeprägt. «Umso wichtiger ist es, die verbliebenen Fahrzeuge zu erhalten und das Wissen an kommende Generationen weiterzugeben. Nur so wird es möglich sein, dass auch in einigen Jahrzehnten noch historische Postautos unterwegs sind», meint der Autor.


Von der Pferdekutsche zum Oldtimer

Der Hügelzug der Moosegg zog schon früh Kurgäste und Tagesausflügler an. Die Bahn fuhr bis Biglen - den Rest legten die Gäste zu Fuss oder per Pferdefuhrwerk zurück. Ab 1925 erschloss erstmals ein Bus die Strecke. Ende Saison 1972 hielt das letzte reguläre PTT-Postauto aus Langnau auf der Moosegg. Ab Biglen fährt seit 1925 immer ein Postauto auf die Moosegg - seit 2005 jedoch mit einem unattraktiven Fahrplan, so Gächter. Die Oberemmental Automobil-Genossenschaft übernahm 1973 den Betrieb von Langnau aus - auch sie kämpfte mit sinkenden Frequenzen und steigenden Kosten. Als Postauto Schweiz das Angebot im Jahr 2005 schliesslich auf ein Minimum reduzierte, stand die Verbindung faktisch vor dem Aus.


Erhaltung dank Engagement

Im Jahr 2016 gründete Mario Gächter mit Gleichgesinnten in Biglen den Trägerverein. «Die Ziele waren, ein rollendes Museum auf der Strecke zu betreiben, Fahrzeugbesitzende zu vernetzen, aber auch Wissen weiterzugeben», so der Präsident. Damit ergänze der Verein die in Museen enthaltenen Sammlungen um eine fahrende Komponente. Gächter verweist auf die Strahlkraft des gelben Kulturguts: «Bilder von Postautos, die auf Alpenpassstrassen verkehren, sind zu Ikonen des Schweizer Tourismus-Marketings geworden.» Im Jahr 2017 verkehrten erstmals historische Fahrzeuge über die Moosegg. Sieben Fahrzeugbesitzende seien von Beginn an dabei gewesen. Sie hätten auch ihr Fachwissen über Wartung, Technik und Bedienung mitgebracht, erzählt Gächter. Endstation war in den ersten fünf Jahren Emmenmatt, statt Langnau. Ein Hinweis, die BLS werde Beschwerde gegen die Parallelfahrt Emmenmatt-Langnau einreichen, habe genügt, dass man zuerst nur diese Strecke konzessionieren liess. «Wir nutzten die Zeit, um das Netzwerk und die historische Infrastruktur auszubauen.» 2021 habe die BLS dann eingewilligt, die Konzessionsänderung bis Langnau zu unterstützen. Die regulären Postautos verkehrten zwischen Biglen und der Moosegg an Wochenenden und Feiertagen nach wie vor immer, so Gächter. «Jedoch wurde das Angebot in mehreren Etappen so drastisch reduziert, dass die Linie seit 2012 zu unattraktiven Zeiten und oftmals ohne einen Fahrgast unterwegs ist.» Die Nachfrage nach den preiswerten nostalgischen Fahrten hingegen sei da, freut Gächter sich. Der Verein wachse und mit jedem Fahrtag würden die gelben Oldtimer ein Stück vertrauter im Emmental. Die historische Linie verkehrt von Mai bis Oktober an bestimmten Wochenenden und Feiertagen auf der Strecke Biglen-Moosegg-Langnau. Ein besonderer Anlass findet am 5. Juli statt, da wird das Jubiläum mit dem Einsatz von zwei 75-jährigen Cabriolet-Bussen gefeiert.

28.05.2026 :: Remo Reist (rrz)