Die Stärenegg ist anders geworden

Die Stärenegg ist anders geworden
In diesem Haus betreibt die Stiftung Stärenegg eine besondere Volksschule. / Bild: Ruedi Trauffer
Trubschachen: Auf der Stärenegg hat sich manches gewandelt. So wohnen die Kinder nicht mehr vor Ort, sondern besuchen hier die besondere Volksschule. Geblieben ist das Engagement.

Viele kennen noch die «alte» Stären­egg. Michel Seiler, der Heimleiter, konnte mehrfach in den Medien sein Erziehungskonzept darstellen. Kinder, die nicht bei ihren Eltern wohnen und nicht in die Regelschule gehen konnten, fanden bei einer Familie auf einem der zugehörigen Bauernhöfe ein neues Zuhause, besuchten die heiminterne Schule und konnten in der naturnahen Umgebung, im Umgang mit Tieren und Handwerk, in einem geregelten Tagesablauf langsam Fuss fassen.

Ab dem Jahr 2000 begann die Stärenegg auch externe Plätze bei Bauern- und Handwerkerfamilien anzubieten, im Emmental, im Jura, aber auch in Kroatien, Slowenien, Frankreich und Deutschland. Bis zu 40 Kinder und Jugendliche konnten so ein Zuhause finden. Dieses Konzept hat sich inzwischen geändert.

Die Stärenegg füllt eine Lücke

«Wir haben heute keine Kinder mehr, die bei uns auf den Höfen wohnen», erklärt Ingur Seiler, der heutige Leiter der Institution. «Unsere Schüler und Schülerinnen kommen jeden Tag von zu Hause zu uns in unsere besondere Volksschule.» Wie ist es zu diesem Wandel gekommen?

Um das Jahr 2020 sei zunehmend deutlich geworden, dass von Seiten der Behörden eine Änderung im System geplant war, blickt Seiler zurück. Plätze für Kinder und Jugendliche
bei Pflegefamilien sollten zukünftig nur noch mit einem deutlich tieferen
Tagesansatz vergütet werden. «Wir hätten ein klassisches Heim werden müssen, denn nur Heime erhalten kostendeckende Vergütungen. Zwei Drittel unserer Mitarbeitenden hät-ten eine sozialpädagogische Ausbildung nachweisen müssen. Das widersprach unserem Konzept», nennt er den Grund für die Neuausrichtung. Fast gleichzeitig habe man festgestellt, dass die angestrebte Integration aller Kinder in die Regelklassen der Volksschule nicht gelinge. Manchmal seien Kinder und Jugendliche einfach nicht in der Lage, sich in den üblichen Schulbetrieb einzufügen, weiss Ingur Seiler. Sie selbst, ihr Umfeld und die beteiligten Lehrkräfte würden dann oft an ihre Grenzen stossen.

So wandte sich die Bildungsdirektion des Kantons Bern mit einer Anfrage an die Verantwortlichen der Stärenegg, ob sie bereit wären, eine sogenannte besondere Volksschule zu führen.

Kinder werden eng begleitet

«Wir dürfen bei uns auf der Stärenegg Schule neu definieren. Der Kanton Bern hat mit uns – wie auch mit zahlreichen anderen Institutionen – einen Leistungsvertrag abgeschlossen», erzählt Ingur Seiler. «Wir können in
unserer Schule bis zu 13 Kinder aufnehmen. Sie werden von unseren Mitarbeitenden täglich zu Hause oder an einem Bahnhof abgeholt und wieder dorthin zurückgebracht.» Die Schülerinnen und Schüler werden durch eine Verfügung vom Schulinspektorat der Stärenegg zugewiesen. Freie Schulwahl besteht für die Eltern nicht. In regelmässigen Abständen werden diese Verfügungen überprüft.

«Auch wir haben uns an den offi­ziellen Lehrplan zu halten, angepasst an das jeweilige Kind und die Situation», betont Seiler. Die Kinder hätten oft Schwierigkeiten mit der klassischen Schule und müssten auf alternativen, kreativen Wegen ans Lernen herangeführt werden. Mehrere Lehrpersonen und Klassenhilfen seien verantwortlich für die Kinder. «Diese brauchen enge Begleitung, müssen individuell beschult werden. Neben den Schülerinnen und Schülern, die wir hier oben unterrichten, haben wir Lehrpersonen, die im Kanton verteilt Einzelsettings übernehmen», beschreibt Seiler das Konzept.

Liegenschaften werden vermietet

Für die Stärenegg arbeiten 15 bis 20 Leute (zirka zehn Vollzeitstellen): in der Landwirtschaft, beim Bauen und der grösste Teil in der Schule. Ingur Seiler teilt mit Anja Kobel, die sich vor allem um die administrativen und organisatorischen Aufgaben kümmert, die Leitung.

Die Liegenschaften – sechs Bauerngüter und -gütlein mit einer Gesamtfläche von 115 Hektaren, davon 70 Hektaren Wald – gehören der Stiftung Stärenegg. Die Höfe sind an einzelne Familien vermietet oder verpachtet. Das vordere Hellweidli, soeben neu aufgebaut, sei noch zu mieten, so Ingur Seiler.

1970 hat sein Grossvater, Robert Seiler, Heimleiter im «Schlössli» Ins, die Stärenegg erworben, damals als Dépendance seines Heims. Gut 55 Jahre später hat sich viel verändert. Der Bedarf an besonderen Volksschulen wird wohl auch in Zukunft nicht kleiner werden.

28.05.2026 :: Ruedi Trauffer (rtt)