Mit 15-minütigen Video-Calls sollen offene Lehrstellen kurzfristig noch besetzt werden können. / Bild: zvg
Emmental: Kurz vor Lehrbeginn sind noch zahlreiche Lehrstellen offen. Eine digitale Börse will Betriebe und Jugendliche zusammenbringen. Das kann für beide Seiten eine Chance sein.
Kurz vor der vereinbarten Zeit will sich Kathrin Wittwer, Leiterin Pflege Ausbildung im Alters- und Pflegeheim Dahlia Lenggen Langnau, in den Video-Call einloggen. Über eine digitale Lehrstellenbörse ist ein Gespräch mit einem Interessenten geplant. Lehrbeginn: diesen Sommer. Doch auf dem Bildschirm erscheint niemand – eine automatische E-Mail ist eingetroffen: Der Teilnehmer hat sich abgemeldet.
Noch vor wenigen Jahren hätten Lehrbetriebe im Frühling nervös auf unbesetzte Lehrstellen reagiert, sagt Wittwer. Inzwischen höre sie von vielen Institutionen im Gesundheitsbereich dasselbe: «Es wird immer schwieriger, Lernende zu finden.» Im Dahlia Lenggen sind für diesen Sommer noch rund die Hälfte der Lehrstellen als Fachperson Gesundheit EFZ oder als Assistent/in Gesundheit und Soziales EBA unbesetzt.
Auch bei der Zaugg AG, die ebenfalls an der digitalen Lehrstellenbörse teilnimmt, blieben Gespräche bislang aus. Das Maschinenbauunternehmen aus Eggiwil möchte eine Lehrstelle als Anlagen- und Apparatebauer/in besetzen. Ob das fehlende Interesse mit dem Beruf, dem Standort oder etwas anderem zusammenhänge, könne sie nicht sagen, so Michelle Heimberg, Leiterin Berufsbildung.
Niederschwellige Gespräche
Die Last-Minute-Börse des Vereins Lehrstellennetz versucht, Betriebe und Jugendliche kurzfristig noch zusammenzubringen. Über die neue digitale Plattform können Jugendliche 15-minütige Videogespräche buchen, ohne vorher Unterlagen einzureichen. Der Prozess sei möglichst einfach gehalten, erklärt Geschäftsführer Michael Raaflaub. «Wir ermöglichen Jugendlichen so, durch ihre Persönlichkeit zu überzeugen.» Kurzfristige Buchungen gehörten dabei zum Konzept. Abmeldungen seien von Betrieben und auch von Jugendlichen jederzeit möglich, nach seiner Erfahrung jedoch eher die Ausnahme.
Dieses Jahr nehmen 54 Betriebe aus dem ganzen Kanton an der Last-Minute-Börse teil. Am ersten Gesprächstag haben laut Veranstalter bereits über 100 Video-Calls stattgefunden. Ein zweiter Termin ist für Juni geplant. Vertreten seien insbesondere handwerkliche-technische Berufe, Gesundheitsberufe und der Detailhandel.
Durch das Format würden auch weniger bekannte Berufe sichtbarer, sagt der Geschäftsführer. Wer durch die Liste scrolle, stosse auf Berufe, an die noch nicht gedacht worden sei. «Bei einem nur 15-minütigen Online-Gespräch denkt man: Das kann ja nicht schaden.» Als Beispiel nennt Raaflaub den Beruf Milchtechnologe, für den Nestlé Konolfingen über die Plattform Lernende sucht. «Viele denken zuerst an den klassischen Käserberuf», sagt er. Im Gespräch merkten sie dann, dass auch moderne Produktion, Technik oder Forschung dazugehören.
Die Jugendlichen hätten unterschiedliche Gründe, warum sie noch keine Lehrstelle gefunden haben, sagt Raaflaub. Manche hätten den Übertritt in eine weiterführende Schule nicht geschafft, andere hätten einen Lehrvertrag aufgelöst oder seien in der Berufswahl unsicher. Dazu kämen Jugendliche, denen im Bewerbungsprozess Unterstützung fehle.
Suche auf allen Wegen
«Die offenen Lehrstellen verschärfen mittelfristig den Fachkräftemangel», ist sich Kathrin Wittwer vom Dahlia bewusst. Auch deshalb versuche man auf möglichst vielen Wegen Lernende zu erreichen: über Inserate, Social
Media, Schulbesuche oder die Präsenz an Lehrstellenmessen. Dem digitalen Format kann die Ausbildungsverantwortliche Positives abgewinnen – auch wenn das Gespräch heute nicht zustande gekommen ist. «Für eher zurückhaltende oder unsichere Jugendliche ist ein erstes Online-Gespräch sicher einfacher.»
Auch bei der Zaugg AG sieht man Vorteile: «Für Jugendliche, die immer digitaler unterwegs sind, werden die Hürden so tief gehalten», sagt Heimberg. Gleichzeitig halte sich der Aufwand für den Betrieb in Grenzen. Auch Wittwer sieht die Zeitersparnis positiv. Wenn ein erster Eindruck passe, würden anschliessend Schnuppertage vereinbart, erklärt sie. Und dann könnte es schnell gehen bis zum Lehrvertrag.