Tagesfamilien sind immer noch gefragt, aber schwierig zu finden

Tagesfamilien sind immer noch  gefragt, aber schwierig zu finden
In einer Tagesfamilie kommen Kinder zusammen und lernen unter anderem den Umgang miteinander. / Bild: zvg
Entlebuch/Emmental:: Es wird immer schwieriger, Tagesfamilien zu rekrutieren. Dies trotz der interessanten Tätigkeit und obwohl der Bedarf nach Kinderbetreuung nach wie vor besteht.

Gemäss Bundesamt für Statistik hat sich durch den demografischen Wandel und die Veränderungen der Arbeitsmarktstruktur die Nachfrage nach familienergänzender Kinderbetreuung erhöht. Gesamtschweizerisch wird für gut zwei Drittel (68 Prozent) der Kinder von vier Monaten bis 13 Jahren eine familienergänzende Kinderbetreuung in Anspruch genommen. In den Kantonen Luzern und Bern greifen 75 Prozent der Haushalte mit Kindern mindestens einmal pro Woche auf eine familienergänzende Kinderbetreuung zurück. Und hier kommt auch das Modell der Tagesfamilie ins Spiel. Ruth Furrer, Vermittlerin des Vereins Tagesplatz Vermittlung Region Entlebuch in Schüpfheim, nennt die Vorteile: «In einer Tagesfamilie erfährt ein Kind eine persönliche und flexible Betreuung, die mit den anvertrauenden Eltern genau abgesprochen worden ist.»

«Wir reden bewusst von anvertrauten und nicht von abgegebenen Kindern», sagt Renate Strahm, Geschäftsleiterin des Vereins Tagesfamilien Emme Plus in Langnau, den professionellen Sprachgebrauch.

Beziehungen können entstehen

Eine Betreuungsperson in einer Tagesfamilie, umgangssprachlich die Tagesmutter oder der Tagesvater, darf sich in den Kantonen Luzern und Bern gleichzeitig nicht um mehr als fünf Kinder inklusive der eigenen kümmern. In einer Tagesfamilie hat es das anvertraute Kind, im Gegensatz zu den meisten Kitas, immer mit derselben Betreuungsperson zu tun. So kann eine enge Beziehung zwischen Tagesmutter und Kind, aber auch zwischen den Eltern des Kindes und der Tagesmutter entstehen. Die Tagesmutter kann so zu einer Art zweitem Mami werden und die Beziehung weit über den Betreuungszeitraum bestehen bleiben. In der französischsprachigen Schweiz spreche man denn auch von der «deuxième famille de coeur», so Strahm. Eine Betreuung in einer Tagesfamilie kann zudem den Bedürfnissen der anvertrauenden Eltern individuell angepasst werden: die Betreuungszeiten seien flexibel, auch eine Betreuung über Nacht oder das Wochenende seien möglich.

Leider, und das bestätigen beide angefragten Vereine, wird es immer schwieriger, geeignete Tagesfamilien zu rekrutieren. An einer mangelnden Nachfrage nach Betreuungsplätzen kann es nicht liegen, wenn man die eingangs erwähnten Zahlen berücksichtigt. Zudem ist eine Betreuung in einer Tagesfamilie tendenziell kostengünstiger als in einer Kita.

Reich wird man als Tagesmutter nicht

«Ich sehe den Hauptgrund in einer neuen Generation von Müttern», meint Ruth Furrer. «Junge Eltern, ob Vater oder Mutter, wollen nach der Geburt ihres Kindes möglichst rasch wieder zurück in ihren Beruf. So können sie ihren Leistungsstandart halten und müssen nicht, wie frühere Generationen, später um einen Wiedereinstieg ins Berufsleben kämpfen.» Das bedeute aber auch, dass solche Eltern nicht als Tageseltern, die neben ihrem Kind noch weitere Kinder gegen Entgelt betreuen, zur Verfügung stehen.

Einen weiteren Grund sehen Furrer und Strahm in der eher tiefen Entlöhnung der Tageseltern. «Eine Tagesmutter erhält zirka sieben Franken pro Stunde und Kind, und das bei der hohen Verantwortung, die sie trägt», bedauern die beiden Frauen unisono. Dazu komme eine Pauschale für das Essen und auch ein allfälliger Fahrdienst werde vergütet. Zudem erhalten die betreuenden Personen Ferienzulagen und es werden sämtliche Sozialversicherungen abgerechnet. «Ich habe in meinem Betreuungspool ältere Frauen, die nur solche Kinderbetreuung machen und davon leben können. Solche Frauen gibt es aber immer seltener», sagt Strahm.

Arbeit wird nicht immer gewürdigt

Weiter gibt es viele Auflagen für die betreuenden Personen: Sie müssen eine Grundausbildung und danach laufend Weiterbildungen besuchen. «Das machen die meisten aber mit Begeisterung.» Auch müssen Elterngespräche geführt werden, um die Entwicklung der anvertrauten Kinder einzuschätzen. Nicht zuletzt können Kinder aus eher schwierigen familiären Verhältnissen ihre Probleme in die Tagesfamilie tragen. Doch die Tagesmütter würden eng mit den Vermittlerinnen zusammenarbeiten und erhielten dort auch immer die nötige Unterstützung, betonen die beiden Fachfrauen.

«Wir schalten Inserate oder legen Flyer auf, um neue Tagesfamilien zu rekrutieren», zählt Furrer auf. Strahm ergänzt: «Wir machen auch Werbung auf Facebook, Instagram oder über Schulen. Kürzlich waren wir zudem in Langnau mit einem Stand am Märit, um Leute direkt ansprechen zu können.» Nicht zuletzt weise man Interessierte auf die positiven Seiten hin: «Man kann zuhause Geld verdienen, während man sowieso auch die eigenen Kinder betreut. Ausserdem ist es für die eigenen Kinder bereichernd, wenn sie in Kontakt mit anderen kommen und beispielsweise lernen, ihr Spielzeug zu teilen.»

Furrer und Strahm sind sich einig: Der Bedarf nach Tagesfamilien ist auch heute noch gegeben. «Aber die wertvolle Arbeit, welche die Tageseltern leisten, wird nicht immer gewürdigt.» Auch in der Politik gingen die Tageseltern in Diskussionen um die Kinderbetreuung immer wieder vergessen.

13.05.2026 :: Beatrice Keck (keb)