Lehren aus einem E-Bike-Fahrkurs – damit es nicht kracht

Lehren aus einem E-Bike-Fahrkurs –  damit es nicht kracht
Kursleiterin Christine Steinmann machts vor: eine Vollbremsung nur mit den Zeigefingern auf den Bremshebeln. / Bild: Daniel Schweizer (sdl)
Langnau: «Lernen Sie Ihr E-Bike besser kennen und erfahren Sie, wie Sie sich im Verkehr souverän verhalten.» Dies die Ziele der VCS Fahrkurse. Die «Wochen-Zeitung» fuhr mit.

So viel gleich vorweg. Auch der Berichterstatter, seit über 20 Jahren E-Biker und der Meinung, alles zu wissen, hat dazugelernt. Beim E-Bike-Fahrkurs des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) in Langnau.

Angemeldet haben sich fast ausschliesslich Leute im Pensionsalter. Mit dabei auch Werner aus dem Aargauischen. Er sei zweimal verunfallt. «Einmal, auf nasser Strasse, habe ich falsch gebremst.» Die Folge: ein schwerer Sturz mit Brüchen. Dann, im Jura, sei er in einer Kurve überrascht worden von einem Viehzaun. Auch hier – ein Sturz mit gravierenden Folgen. Er habe das E-Bike aber nicht beiseite stellen wollen. Er habe sich auf die Suche nach einer Kursmöglichkeit gemacht. «Ich kann nur profitieren.» Ähnlich die Motivation bei Maria aus Trachselwald. Auch sie sei schon verunfallt, fühle sich unsicher und hoffe, im Kurs mehr Sicherheit dank besserer Fahrtechnik zu erreichen. Zudem sei ihr Partner ein begeisterter E-Biker. «Da will ich mithalten, damit wir unsere Touren gemeinsam anpacken können.»

Mit dem Zeigefinger an der Bremse

Die Kursleiterin Christine Steinmann, BFU-zertifizierte E-Bike-Instruktorin, kontrolliert die Ausrüstung. Gelbe Leuchtweste und Helm – letzterer für langsame E-Bikes bis 25km/h Unterstützung nicht obligatorisch – sind Pflicht. Auch Fahrradhandschuhe empfiehlt Steinmann, als Schutz bei Stürzen. Dann gehts ab zum Oberfeldschulhaus in Langnau. Fahrschule. Richtiges Anfahren: Das linke Pedal in Zehn-vor-Zehn Stellung, die Fahrunterstützung zurückgestuft, ein niedriger Gang. Dann Kurvenfahren: Der Blick stets voraus aufs Ziel. Anschliessend ein enger Slalomkurs: Geschicklichkeitsfahren zwischen Pilonen. Geübt wird auch die Vollbremsung. «Halt», greift Steinmann gleich ein,
als Werner beide Bremsen voll in die Hand nimmt. «Gebremst wird nur mit dem Zeigefinger.» Für die meisten hier eine Umstellung.

Anschliessend gehts los auf eine Fahrt durchs Dorf, selbstverständlich in stetiger Bremsbereitschaft. Richtiges Einspuren vor dem Kreisel – Blick zurück, frühzeitig in die Mitte der Strasse, falls der Kreisel nicht gleich rechts bei der ersten Abzweigung verlassen wird. Nicht an der Bordsteinkante kleben und Eisenbahnschienen in möglichst stumpfem Winkel queren. Und immer einen Meter Abstand bei parkierten Autos. Ein unachtsamer Autofahrer, die Tür geht auf und schon ists passiert. Zum Schluss, oben auf dem Giebel, nochmals Bremsmanöver – anspruchsvoller, weil auf unbefestigter Strasse.

Unrealistische Selbsteinschätzungen

Die Zielgruppe der Kurse seien Personen ab 45 Jahren, erklärt die Kursleiterin. Die meisten seien jedoch über 55 Jahre, einige gar über 80 Jah-re. Hauptmotivation für die meisten sei es, mehr Sicherheit zu gewinnen. «Viele haben brenzlige Situationen erlebt. Einige sind verunfallt, ob mit oder ohne Fremdeinwirkung.» Gründe dafür seien häufig eine unrealistische Selbsteinschätzung. Dazu, im Vergleich zum herkömmlichen Velo, der ungewohnte Schubeffekt, höhere Geschwindigkeit, grösseres Gewicht und deshalb, trotz griffigerer Bremsen, längere Bremswege.

Zum Schluss noch ihr Tipp an Neueinsteiger: «Unterschätzen Sie die ersten Fahrten auf dem E-Bike nicht! Üben Sie in einem verkehrsfreien Raum verschiedene Manöver wie Anfahren, Bremsen und Kurvenfahren!»

Nicht mehr Tote, aber viel mehr Schwerverletzte

Die gute Nachricht zuerst: 2025 ist die Zahl von Unfällen mit Todesfolge bei Velos und E-Bikes praktisch gleich geblieben. Die schlechte Nachricht: In beiden Kategorien hat die Zahl von Schwerverletzten stark zugenommen. In absoluten Zahlen: 20 Velofahrer starben (unverändert). 671 Personen wurden schwer verletzt (+?38). Mit E-Bikes kamen 24 Personen ums Leben (-1). 586 Personen wurden schwer verletzt (+?53). Das BFU nennt bei beiden Kategorien Unaufmerksamkeit und Ablenkung, die eine zentrale Rolle spielten. Ältere Personen seien besonders gefährdet, da sie gebrechlicher seien.

Gemäss Astra seien schwere Unfälle beim Velofahren zu 43 Prozent die Folge einer Kollision. Über die Hälfte davon ereigne sich an Kreuzungen und in Kreisverkehren. Der Hauptverursacher eines Velounfalls bei Kollisionen ist nur bei rund einem Drittel die Velofahrerin selbst. In den meisten Fällen seien meist Autofahrerinnen und Autofahrer verantwortlich. Diese unterschätzten oft die höheren Geschwindigkeiten von E-Bikes.

Diese traurigen Zahlen sowie die teils alarmistisch anmutende mediale Berichterstattung sollten gleichwohl in Relation gesetzt werden mit den Verkaufszahlen, geliefert von Velosuisse. 2005, zehn Jahre nachdem der erste Flyer auf den Markt gekommen war, wurden knapp 1‘800 E-Bikes verkauft. Der Peak kam während Corona mit fast 220´000 Verkäufen. Im vergangenen Jahr waren es noch gut 130´000.

07.05.2026 :: Daniel Schweizer (sdl)