Das Acrylbild «Trubschachen» schenkte Künstler Pesche Merz der Kirchgemeinde. / Bild: zvg
Trubschachen: Das neue Heimatbuch über Trubschachen spiegelt die Vergangenheit des Dorfs anhand von über 200 Liegenschaften und ihren Familiengeschichten. Das Werk von Ruedi Trauffer bietet eine Fülle von Geschichten, Fakten und Bildern.
Das Interesse an der Lokalgeschichte ist bei Ruedi Trauffer erst nach seiner Pensionierung erwacht. Im Archiv des Pfarrhauses entdeckte der ehemalige Lehrer alte Dokumente über die Schule, die er jedoch wegen der alten Schrift nicht lesen konnte. Das störte ihn und stachelte seinen Ehrgeiz an. Bald konnte Ruedi Trauffer die Schrift entziffern und liess nicht locker, bis die ganze Geschichte der Schule Trubschachen lückenlos vor ihm lag. Andere Themen folgten, bis er eines Tages das dicke Heimatbuch über Trub in den Händen hielt. So etwas sollte Trubschachen auch haben, dachte er und nahm zusammen mit dem Gemeinderat Kontakt mit dessen Autor Hans Minder auf. Doch dieser war bis auf Jahre ausgebucht. Er bestärkte aber Ruedi Trauffer darin, die Arbeit selber an die Hand zu nehmen.
Spannend wie ein Krimi
Im ersten Kapitel «Von den Anfängen» beschreibt Trauffer die Geschichte der Gemeinde Trubschachen, die ausserordentlich kompliziert und schweizweit wohl einzigartig ist. Denn lange Zeit existierte die Gemeinde gar nicht, weil der Schachen und die umliegenden Berggebiete seit dem Mittelalter drei anderen Gemeinden gehörten. Grob gesagt zählte zu Langnau der Boden nördlich der Ilfis bis zum Mauerhoferhaus. Trub verwaltete das Gebiet rechts der Trub und Lauperswil war im Besitz der Landstriche südlich der Ilfis (Schattseite) und links der Trub. Wie es dazu kam, dass zuerst der Lauperswilviertel selbstständig wurde und später die beiden anderen Gemeinden auf ihre Gebiete verzichteten - Trub mehr oder weniger freiwillig - liest sich spannend wie ein Krimi. Im Hauptteil des Buchs porträtiert der Lokalhistoriker alle Liegenschaften der Gemeinde, die vor 1960 gebaut worden sind. In einem Raster erscheinen der Name des Hauses, das Baujahr und der Name des aktuellen Besitzers. Dann folgen Fakten, Geschichten, Fotos, die der Verfasser und seine Helfer bei den Bewohnerinnen und Bewohnern ausfindig gemacht haben. Über den Hof Untere Schwand liest man beispielsweise, dass er mit seiner 11-achsigen Fassade zu den grössten Höfen zählte und um 1957 abbrannte; über den Hof Ober Houenen auf 1150 m Höhe lesen wir, dass bis 1980 alles Holz mit der Handsäge gefällt und gerüstet und die Kühe von Hand gemolken wurden.
Liegenschaft des Wunderdoktors
Den Geschichten lässt der Lokalhistoriker alle Handänderungen der letzten 250 Jahre folgen, die er im Staatsarchiv und im Grundbuchamt über die Liegenschaften gefunden hat. Zum Beispiel die oben erwähnte Untere Schwand. Sie wurde im 18. Jahrhundert von einer wohlhabenden Familie zur anderen weitergereicht. 1777 gehörte sie für sechs Jahre dem Wunderdoktor Michael Schüpbach aus Langnau und seiner Familie. 1869 verkaufte die Familie Mauerhofer den Hof an die Familie Baumgartner, deren Nachkommen den Hof bis heute bewirtschaften. Die Ober Houenen gehörte 1734 Herrn Gabriel Frisching, Schlossherr von Wyl. Damals war sie eine Sommeralp für 35 Kühe. 1889 verkaufte Albrecht Gerber, Gerbermeister in Langnau, den Hof an die Familie Eichenberger, die jetzige Besitzerin.
Anfänge der internationalen Firmen
Der Käse hinterliess im Dorf, das umgeben von Alpweiden war, bereits früh seine Spuren. Das imposante Mauerhoferhaus aus dem 18. Jahrhundert wurde Sitz der ersten Käsehandelsfirma. 1827 folgte der Bau der Dorfkäserei, die zu den ersten Talkäsereien des Kantons gehörte. Besonders gern liest man über die Anfänge der beiden internationalen Firmen, die im Dorf ansässig sind. Anhand der Liegenschaften wird klar, wie klein sie beide angefangen haben. Oscar Kambly, welcher der Liebe wegen nach Trubschachen kam, lernte zuerst Bäcker-Konditor in der Dorfbäckerei Wälti, bevor er 1911, mit Hilfe seines Bruders, die Fabrik gründete. Seine ersten Bretzeli buk er in der Backstube seines Lehrmeisters. Hans Jakob gründete 1904 die Seilerei im Haus seines Vaters. Zur Herstellung der Seile baute er entlang der Eisenbahnschienen eine sogenannte Reeperbahn. Bis 1953 fertigte er hauptsächlich Hanfseile für die Landwirtschaft an. Die beiden Gründergenerationen waren familiär miteinander verbunden. Emma Jakob, die Gattin von Oscar Kambly, war die Schwester von Hans. Der Vater der beiden, Johann Jakob, führte ein blühendes Geschäft und war ein strenger gottesfürchtiger Mann.
360 verkaufte Bände
Das 960-seitige Buch enthält viel attraktives Bildmaterial. Unzählige Fotos, von denen einige hängen bleiben, aber auch farbige Gemälde, Zeichnungen, Postkarten und Drohnenaufnahmen illustrieren den Text. Im dritten Teil des Buchs folgen weitere dorfspezifische Themen. Die Abenteuergeschichte von Peter Wingeier alias Theophil Romang etwa, die der Verfasser neu aufrollt. Auch die Geschichte der Gemäldeausstellungen findet hier ihren Platz, ebenso wie die Geschichte der Vereine. Ruedi Trauffer freut sich, dass alle 360 Bände verkauft worden sind. «Ich selber habe auch viel profitiert», erklärt er abschliessend. «Durch die Forschungsarbeiten bin ich näher ans Dorf gerückt. Jetzt fühle ich mich nicht mehr als Auswärtiger.»