Zur Diagnose von MS müssen verschiedene Kriterien untersucht werden. Die frühere Erkennung und Therapie verbessern die Prognose. / Bild: Pixabay
Langnau: Im Rahmen der öffentlichen Publikumsvorträge des Spitals Emmental referierte der Neurologe Christoph Friedli vor gut 50 Interessierten zum Thema Multiple Sklerose (MS).
Das Spital Emmental veranstaltet an seinen beiden Standorten Burgdorf und Langnau regelmässig öffentlich zugängliche Vorträge zu medizinischen Themen. Spezialistinnen und Spezialisten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten informieren dabei über Krankheiten, Diagnosen und Therapiemöglichkeiten. Nun bot der Leitende Arzt Neurologie, Christoph Friedli, einen aussergewöhnlichen Einblick in sein Fachgebiet Multiplen Sklerose (MS).
MS kann sich unterschiedlich zeigen
Die komplexe neurologische Krankheit wurde bereits im Jahr 1862 von den französischen Ärzten Jean-Martin Charcot und Alfred Vulpian beschrieben, erfuhren die Zuhörenden von Christoph Friedli.
Da sich MS in den unterschiedlichsten Formen bemerkbar macht, wurde eine internationale Skala erschaffen. Sie beschreibt den Grad der individuellen Behinderung, die MS bei einem Patienten oder einer Patientin verursacht. «Diese Skala geht von null, gleichbedeutend mit keiner Behinderung, über vier, Einschränkung der Gehstrecke, bis acht, nicht mehr gehfähig», erklärte der Facharzt.
Um überhaupt zu einer MS-Diagnose zu gelangen, seien eine ganze Liste von Diagnosekriterien abzuklären, so Friedli. Dazu gehörten unter anderem ein MRI des Kopfes oder das Testen des Liquors, also der Flüssigkeit in Gehirn und Rückenmark. «Nach wie vor gibt es aber keinen einzelnen ‹MS-Marker›», betonte der Arzt, «die einzelnen diagnostischen Erklärungen müssen wie ein Puzzle zusammengefügt werden.»
Einflussfaktoren teilweise klar
Nach wie vor ist die Ursache der MS nicht völlig geklärt. «Klar ist, dass es sich um eine entzündliche, degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems handelt, die am ehesten mit einer autoimmunen Erkrankung erklärt werden kann», erklärte der Referent.
Heute wisse man, dass unter anderem genetische Faktoren eine Rolle spielen. Aber auch viele weitere Puzzlesteine wie beispielsweise ein niedriger Vitamin-D-Spiegel würden mit einem höheren MS-Erkrankungsrisiko assoziiert, so Friedli. Weitere Einflussfaktoren seien Rauchen, Übergewicht oder auch das Mikrobiom, also die Darmflora.
Symptome nicht eindeutig
«Bevor überhaupt klinische Symptome einer MS manifest werden, zeigen sich unspezifische Symptome wie Fatigue, Ängste, kognitive Defizite, eine signifikant höhere Inanspruchnahme des Gesundheitswesens und viele weitere», erklärte der Neurologe.
Die allermeisten Menschen mit solchen Symptomen würden aber nie an einer MS erkranken; erst bei Patientinnen und Patienten mit einer gesicherten MS-Diagnose zeige sich retrospektiv eine Häufung solcher Symptome, so Friedli. MS ist eine seltene Erkrankung mit ungefähr 30 bis 80 Fällen auf 100´000 Einwohnerinnen und Einwohner.
Bezüglich Verlaufsformen wisse man heute ebenfalls mehr, so der Facharzt: «Die Krankheit kann schubförmig verlaufen; zwischen den Schüben kommt es zu einem Nachlassen der Symptome. Sie verläuft schubweise mit einer laufenden Verschlechterung der Symptome, oder aber sie verläuft chronisch und verschlechtert sich ohne Schübe.»
Aktives Leben trotz MS möglich
Die meisten Patientinnen und Patienten, die Symptome zeigen, die vielleicht zu einer MS passen würden, hätten keine, so Friedli.
Dank der regelmässig aktualisier-ten Kriterien würden MS-Diagnosen heute viel früher gestellt, was zu einer früher einsetzenden Therapie führe. Dies sei wiederum mit einer verbesserten Langzeitprognose verbunden, sagt der Neurologe.
«Viele können deshalb heute trotz Diagnose ein aktives, selbstbestimmtes Leben führen», so Christoph Friedli.