Madeleine Ryser vor einem ihrer jüngsten Werke «Ikarus», das sie mit Eitempera auf Leinwand gemalt hat. / Bild: Bettina Haldemann-Bürgi (bhl)
Langnau: Die Kulturkommission der Gemeinde Langnau würdigt das malerische Werk von Madeleine Ryser mit einer Ausstellung im Chüechlihus und im Neuhus sowie mit einer Monographie.
Mit zwei grossen Pinseln in der Hand und in einem gelben Überkleid sitzt Madeleine Ryser in ihrem Atelier, umringt von unfertigen Gemälden. Man sieht der Frau an, dass sie sich gerne schöpferisch betätigt.
Das beschriebene Porträt ist auf einer der ersten Seiten der neuen Monographie über Madeleine Ryser zu finden. In einem Malkurs bei Regine Ramseier lernt sie die Temperamalerei kennen, bei der man die Farben aus Pigmenten, Wasser und einem Bindemittel (zum Beispiel einem Ei) selber herstellt. Ryser ist fasziniert von der alten Maltechnik. Bald merkt sie, dass sie auf grossen Leinwänden malen muss und findet ihren Stil, indem sie Farbschicht um Farbschicht auf die Leinwand malt, um dann in einem zweiten Schritt an gewissen Stellen Farbe wieder wegzunehmen. Reto Mettler, Kunstkenner und Autor der Monographie, spricht vom Freilegen von Schichten, das Verborgenes sichtbar mache und an Archäologie erinnere.
Eindrücklich beschreibt Mettler, dass wie bei der Schöpfungsgeschichte zuerst ein Chaos herrsche, «wüst und leer», das dann durch den wachen Blick der Malerin geordnet werde. Die Künstlerin nehme jedes Bild immer wieder hervor, bringe Veränderungen an, warte, bis plötzlich eine Idee aufscheine, die sie dann malerisch verdeutliche.
So kann eine weisse Fläche als Flügel des Ikarus gesehen werden, der zu nahe an die Sonne fliegt, welche auf Rysers Gemälde durch den roten Hintergrund dargestellt wird. Die Umrisse der Flügel hat die Malerin angedeutet. Ikarus, die Figur aus der griechischen Antike, dessen Wachsflügel schmelzen und der zu Tode stürzt, hebt sich durch eine netzartige Struktur von den Flügeln ab. Und wer genau hinschaut, entdeckt Russspuren auf der weissen Figur.
Einsatz für historische Gebäude
Reto Mettler geht in seinem Buch auch auf die Biographie von Madeleine Ryser ein. Man erfährt, wie sie in Langnau als Tochter einer einflussreichen Käsehandelsfamilie (Röthlisberger & Sohn, später Tiger-Käse AG) aufwuchs, wie sie unter anderem Philosophie, Kunstgeschichte und Volkskunde studierte, wie sie heiratete und Mutter zweier Töchter wurde.
Später übernahm sie die Leitung des Regionalmuseums Chüechlihus, ein Amt, das bereits ihre Mutter innehatte. Das Buch beleuchtet Rysers Kampf für den Erhalt historischer Gebäude im Dorf und erzählt davon, wie sie den Gasthof Bären vor dem Aus rettete.
Auch die gesundheitliche Krise, die die Künstlerin einige Jahre am Malen hinderte, findet in Mettlers Monographie Erwähnung.
«Fata Morgana» ist zu sehen
Neben dem schönen Kunstbuch lädt eine Ausstellung im Regionalmuseum Chüechlihus und im Neuhus in Langnau ein, noch bis am 17. Mai Rysers Gemälde der letzten 25 Jahre zu besichtigen. Viele der ausgestellten Bilder stammen aus Privatbesitz.
Die Werke erzählen von Übergängen und tragen Titel wie «Entstehung», «Sturm» oder «Fata Morgana». Einige sind düster, klagen an, warnen. Doch in jedem Gemälde scheint eine tiefe Weisheit zu schlummern, die Dimension einer höheren Welt. Die Farben, die Klarheit der Komposition sind weitere Qualitäten.
Buch und Ausstellung sind eine Hommage an eine Langnauerin, deren Kunst auch in grossen Museen hängen könnte.