Gustav Steffen verfolgt einen Gang gespannt vom Platzrand (Archiv). / Bild: Barbara Loosli (blo)
Schwingen: Nach über zwei Jahren Leidenszeit ist Gustav Steffen endlich schmerzfrei - und zurück im Sägemehl. Zwischen seinem Comeback am Hallenschwinget in Bolligen und dem Emmentalischen hat er sich Zeit genommen, um über seine langwierige Verletzung zu sprechen.
«Ich kann keinen genauen Zeitpunkt nennen, an dem es begonnen hat», sagt Gustav Steffen rückblickend. «Es kam schleichend im Sommer 2023. Aber die Schmerzen in den Adduktoren, auf der Innenseite des Oberschenkels, wurden immer schlimmer.» Anstatt zu pausieren, biss Steffen auf die Zähne, da er unbedingt am Unspunnen-Schwinget teilnehmen wollte. «Im Nachhinein hat mir das nicht viel gebracht», sagt der Athlet des Schwingklubs Sumiswald.
Nach der Saison begann er mit Physiotherapie. Später erfolgte die erste MRI- und Ultraschalluntersuchung, die keine klare Diagnose brachten. Mit Kraftaufbau, Kortison-Spritzen und Pausieren wurde der Schmerz in der Folge kurzzeitig besser. Kaum hat er wieder belastet, wurde es wieder schlimmer. Deshalb unterzog er sich im Sommer 2024 einem zweiten MRI, zudem wurden beim Urologen innere Verletzungen ausgeschlossen. Darauf unterzog er sich einer ersten Operation, bei der ein kleiner Schaden am Adduktorenansatz behoben wurde. Doch eine Besserung brachte auch das nicht, weshalb er dann Ende Jahr auf Empfehlung des Berner Teamarztes zu einem renommierten Sportarzt in Zürich überwiesen wurde, der eine spezielle Ultraschalluntersuchung veranlasste. Endlich wurde die wahre Ursache der Schmerzen erkannt: Eine sogenannte weiche Leiste und Leistenbrüche auf beiden Seiten, die auf dem MRI und im ersten Ultraschall schlicht nicht zu erkennen gewesen waren. Im Frühling 2025 wurde Gustav Steffen das dritte und letzte Mal operiert. Beide Leisten wurden stabilisiert und die Adduktoren angefrischt. Ab diesem Punkt ging es endlich wieder vorwärts.
Die Auswirkungen
«Ich bin eigentlich ein positiver Mensch», beginnt Gustav Steffen. «Aber das Ganze hat mich schon etwas aus der Bahn geworfen», gesteht er. Schon nur das Rekonstruieren der ganzen Verletzungsgeschichte habe einiges in ihm aufgewühlt. «Ich habe früh realisiert, dass diese Beschwerden eine längere Geschichte werden könnten. Ich habe mir aber immer eingeredet, dass es schon wieder gut kommt.» Doch die vielen Rückschläge und vor allem die Ungewissheit liessen die Zweifel wachsen. Zwar konnte er seinem Job in der Werkplanung eines Holzbaubetriebs jederzeit nachgehen, doch die dauerhaften Schmerzen schlugen mit der Zeit aufs Gemüt. «Ich hätte gerne das alles einmal ein paar Tage vergessen», blickt er zurück. «Doch wenn jeden Tag bereits das Aufstehen schmerzen verursacht, sind diese schlechten Gedanken prompt wieder da.» Zu Beginn sei immer klar gewesen, dass er auf den Schwingplatz zurückkehren wolle. «Aber irgendwann geht es gar nicht mehr ums Schwingen, sondern darum, ein glückliches Leben zu führen.» Seine Partnerin habe ihn enorm unterstützt und aufgemuntert, obwohl es auch für sie nicht immer leicht gewesen sei. Auch die Familie sei jederzeit für ihn dagewesen. Im ersten Jahr habe er auch den Schwingsport nicht mehr ganz so eng mitverfolgt wie gewohnt, sondern versucht abzuschalten und stattdessen mit Kollegen etwas zu unternehmen. «Doch meine Leidenschaft für den Schwingsport ist riesig und ab dem Moment, wo ich endlich die Diagnose hatte, habe ich sofort wieder aufs Comeback hingearbeitet.»
Das Comeback
Als ihm letzten Frühling nach der Operation die voraussichtliche Ausfallzeit mitgeteilt wurde, sei sofort der typische Sportlergedanke aufgekommen: «Vielleicht reicht es ja noch fürs Eidgenössische Schwingfest.» Er habe sich dann aber in Absprache mit dem Teamarzt und den Physios dagegen entschieden, was im Nachhinein auch der richtige und vernünftige Entscheid gewesen sei. Stattdessen war er als Betreuer am ESAF dabei und unterstützte seine Brüder Konrad und Valentin sowie die anderen Berner Schwinger. «Ich habe bis im September sauber die Reha beendet, dann noch einmal eine kurze Pause gemacht und schliesslich Mitte Oktober mit dem regulären Aufbau für die Saison begonnen. Vor einem Monat, am 28. März anlässlich des Worblentaler Hallenschwingets in Bolligen, war es dann so weit - Gustav Steffen kehrte endlich ins Sägemehl zurück. «Ich war schon die ganze Woche über sehr nervös», sagt er. Das Comeback sei dann sehr schön gewesen. «Besonders hat mich gefreut, wie viele Schwinger und Zuschauer sich mit mir gefreut haben. Und als der Speaker mich dann noch erwähnt hat, hatte ich wirklich Hühnerhaut.» Sportlich sei seine Leistung solide gewesen, aber noch mit Luft nach oben. Wobei das Ergebnis auch nicht im Vordergrund gestanden sei. Einziger Wermutstropfen: «Im fünften Gang habe ich mir die Rippen geprellt. Seitdem stand ich nicht mehr im Sägemehl.» Eigentlich sei der Plan gewesen, als Vorbereitung auf die Kranzfestsaison noch einige kleinere Feste zu absolvieren. Daraus wurde nun nichts. Abgesehen von der Rippenprellung und der dadurch fehlenden Wettkampfpraxis sei er aber «guet zwäg», meint Steffen. Geplant ist deshalb der Wiedereinstieg am Sonntag beim Emmentalischen in Oberdiessbach, dem ersten Berner Kranzfest der Saison.
Der Ausblick
Für die Saison habe er sich keine konkreten Ziele gesetzt. «Schön wäre, den einen oder anderen Kranz zu machen. Aber wenn nicht, dann halt nicht, Hauptsache ist, wieder schwingen zu können.» Es wäre auch vermessen zu erwarten, dass er nach so langer Abwesenheit gleich an den Leistungen von zuvor anknüpfen könne. Wie es über den Herbst hinaus weitergehe, werde er zu gegebener Zeit entscheiden. «Wenn aber alles nach Plan läuft, würde ich gerne bis zum ESAF in Thun weiterschwingen», sagt Steffen, der letzten Freitag gemeinsam mit Zwillingsbruder, Valentin, seinen 30. Geburtstag feierte. Er versuche, das gleiche Trainingspensum wie vor der Verletzung zu absolvieren, meist vier Mal pro Woche. «Das geht, aber bei der Regeneration merke ich schon einen Unterschied.» Am Freitag sei er oft enorm kaputt von der Woche und brauche mehr Schlaf als früher. Das Positive: Einen Teil seines Trainings kann er selber planen. Denn im letzten Herbst hat er im Schwingklub Sumiswald die Rolle des Technischen Leiters übernommen. «Als ich angefragt wurde, wusste ich noch nicht, ob ich jemals wieder schwingen könnte.» Neben den administrativen Aufgaben leite er immer am Donnerstag das Training und mache das sehr gerne. Die grösste Herausforderung sei, gleichzeitig dem 16-jährigen Schwinger im Wachstum wie auch dem absoluten Spitzenschwinger Aeschbacher gerecht zu werden. «Es ist eine Gratwanderung», sagt Gustav Steffen. «Ich bin halt eher der Typ, der die anderen pusht, weil meine Leidenschaft für den Schwingsport nach wie vor riesig ist.»