Mitreden ist ein Grundrecht, kein Goodwill

Mitreden ist ein Grundrecht, kein Goodwill
Werden die Spielgeräte nicht genutzt, hat man vielleicht verpasst, die Kinder zu fragen, was sie wollen. / Bild: Pixabay
Konolfingen: Jugendliche und Kinder hätten viel zu ihrer Gemeinde zu sagen, werden aber selten gefragt. Ein Infoabend zeigte: Mitgestalten ist ein Recht, kein Zusatzangebot.

«Kinder und Jugendliche reden in unseren Gemeinden mit - oder doch nicht?» So lautete der Titel des sogenannten Impulsabends im neuen Schulhaus Konolfingen. Organisiert von der Fachkommission Kinder- und Jugendpolitik sowie der Kinder- und Jugendfachstelle Region Konolfingen, stand am Anlass eine Frage im Zentrum: Wie können Kinder und Jugendliche so einbezogen werden, dass ihre Stimmen wirklich zählen?


«Das Wissen aus dem Alltag zählt»

Mitbestimmung ist kein Geschenk der Erwachsenen an die Jungen - es ist ihr Recht. Die UNO-Kinderrechtskonvention, in der Schweiz seit dem Jahr 1997 in Kraft, macht das mit dem «Recht auf Anhörung und Partizipation» unmissverständlich klar. Philemon Hammer vom Kinderhilfswerk Unicef erklärte im Schulhaus Kaleidoskop: «Partizipation bedeutet Information, Mitsprache, Mitgestaltung, Mitentscheidung und Teilhabe.» Sie stärke die Identität und die Persönlichkeitsentwicklung - und bedeute einen Mehrwert für die Gesellschaft. Remo Anderegg, Leiter der Kinder- und Jugendfachstelle Region Konolfingen, verdeutlichte diese Aussage an einem Beispiel: «Eine 14-Jährige kennt ihre Gemeinde im Alltag genau - Wege, Treffpunkte oder auch Konfliktzonen. Diese Sicht ist keine Ergänzung, sie ist Wissen aus dem gelebten Alltag.»


Drei Formen der Beteiligung

Philemon Hammer unterscheidet drei Partizipationsformen. Bei der ersten holen Erwachsene die Meinung junger Menschen zu einem Vorhaben ein. Bei der zweiten Form teilen die Erwachsenen ihre Entscheidungsbefugnis mit Kindern und Jugendlichen. Die dritte Art von Partizipation bedeutet, dass die jungen Menschen diese Vorhaben selbständig initiieren und durchführen. Entscheidend ist gemäss Hammer die Klarheit darüber, auf welcher Stufe man sich bewegt - und die Bereitschaft, Rückmeldungen ernst zu nehmen: «Prozesse ohne sichtbare Wirkung führen zu Schein-Partizipation und untergraben das Vertrauen.»


Von der Umsetzung zur Auszeichnung

Mitbestimmung sollte strukturell in der Gemeindepolitik verankert sein, brachte Anderegg es auf den Punkt: «Partizipation lässt sich nicht delegieren.» Es wurden Möglichkeiten zur Umsetzung auf verschiedenen Ebenen genannt. In Politik und Verwaltung durch Kinderrat, Jugendmotion oder Vorstossrechte. Im Bildungsbereich durch Klassenrat, Schulparlament oder Anhörungsrecht. In der Raumplanung - bei Ortsplanungsrevisionen, Spielplätzen oder Freizeitanlagen - durch frühzeitige Einbindung. «Ein Spielplatz, der an den Bedürfnissen vorbeigeplant wird, zeigt sich am deutlichsten in seiner Nutzung - oder eben Nicht-Nutzung», so Anderegg. Für Gemeinden, die diesen Weg systematisch gehen wollen, bietet Unicef Schweiz die Initiative «Kinderfreundliche Gemeinde» an - mit Standortbestimmung, Workshops mit Kindern und Jugendlichen, einem Aktionsplan mit konkreten Massnahmen, externer Evaluation - und schliesslich dem Entscheid der Kommission über die Verleihung von Label und Zertifizierung. «Das Ziel ist eine dauerhafte Beteiligungskultur, kein einmaliges Projekt», so Hammer.


Mitbestimmung beginnt zu Hause

Jungpolitikerin Darleen Pfister beschrieb, wie Mitbestimmung konkret aussehen kann: Jugendparlamente als selbstorganisierte Gefässe, Jugendvorstösse als direkte politische Instrumente, oder Engage-Ateliers in Schulen, in denen Jugendliche eigene Projekte entwickeln. «Es geht nicht darum, alle zu erreichen - aber darum, echte Erfahrung von Mitwirkung zu ermöglichen», so Pfister, und erzählte von ihrer früheren Schulklasse. Die Mehrheit hatte die Senkung des Stimmrechtsalters abgelehnt - aus nüchterner Einschätzung eigener Verantwortung. «Wer nie erlebt hat, dass die eigene Meinung zählt, zögert, wenn er plötzlich abstimmen soll.» Hier seien auch Eltern gefragt, war man sich einig; Kinder, die zu Hause erleben, dass ihre Meinung gehört wird, entwickeln früher ein Gespür für demokratische Teilhabe. Das gemeinsame Fazit war deutlich. Mitbestimmung wächst im Alltag - in der Schule, der Gemeinde und am Familientisch. Sie beginnt nicht mit dem 18. Geburtstag - sie muss lange vorher gelebt werden.

30.04.2026 :: Remo Reist (rrz)