Löwenzahn, Söiblueme, Chrottepösche, Pfaffechrut, Pusteblume. Die Pflanze hat fast so viele Namen wie Anwendungsmöglichkeiten. / Bild: Fritz von Gunten (gfl)
Blumiges 2026: Löwenzahn – Söiblueme. Ein Kraut nicht nur für Rindvieh, Hasen und Kaninchen. Löwenzahn ist ein vielfältiges Wildgemüse, das beim ZDF gar eine eigene TV-Sendung hat.
«Es war einmal ein Löwenzahn, der seinen Blütenstern der Sonne entgegenstreckte. Am Morgen begrüsste er mit seinem strahlenden Lächeln den neuen Tag, und wenn die Dämmerung über das Land zog, kuschelte er sich in seinen grünen Blütenkelch und schlief ein...» So beginnt das Märchen vom Löwenzahn. Es endet leicht und schwerelos wie seine silberhaarigen Flugschirmchen hoch in der Luft, um die ganze Blütenpracht nochmals aus der Vogelperspektive bewundern zu können.
Über 500 verschiedene Namen
Die Leichtigkeit dieser Flugschirmchen hat die Langnauer Künstlerin Regine Ramseier animiert, einen Baldachin aus über 2'000 Pusteblumen zu realisieren. Die verblühten Löwenzahnblumen pendeln leicht und lebendig von der Decke. Für die Künstlerin ein Symbol für Tod und Wiederge-burt, für Vergänglichkeit. «Den Atem anhalten und sich dem Vergänglichen einen Atemzug lang zuwenden. Staunen in der Wunderkammer», sagt Ramseier. Während im Märchen vom Löwenzahn die sonnig-leuchtende Blume konsequent als Löwenzahn bezeichnet wird, tauchen beim Blick in das mundartliche Namenverzeichnis des Schweizerischen Idiotikons und den Sprachatlas der deutschen Schweiz über 500 verschiedene Namen und etwa 60 Hauptbezeichnungen zum Löwenzahn auf. Der Name rührt offenbar von der französischen Bezeichnung Dents de lion: Löwenzahn. Die gezackten Blattränder erinnern an die Kiefer und Zähne eines Löwen. Während im Emmental die Bezeichnung Söiblueme geläufig ist, stösst man je nach Region und Dialekt auch auf Namen wie Chrottepösche, Sunnewirbel, Mönchsschopf, Pfaffechrut oder Hundsblume. Zahlreiche Namen wie Bettnässer, Bettspisser oder Brunsblume weisen auf die in der Volksheilkunde erwähnte harntreibende Wirkung hin.
Wichtig für die Bienen
In der christlichen Kunst wird die Blume oft auch als Marienpflanze bezeichnet. Sie steht für die Ausbreitung der christlichen Lehre, da sich pro Löwenzahnpflanze jährlich bis 5'000 Samen mühelos in einem Umkreis von über acht Kilometern verbreiten können. Das Besondere beim Löwenzahn ist zudem, dass die Pusten ungeschlechtlich, also ohne Befruchtung, neue Ableger bilden können. Das mag mit ein Grund sein, dass je nach Betrieb und Fruchtfolge das Kraut
als Tierfutter mehr oder weniger geschätzt wird, wie Dominik Füglistal-ler, Dozent für Agrarökologie an der Hochschule für Agrarwissenschaft in Zollikofen, festhält. Er unterstreicht hingegen die Wichtigkeit der Frühlingsblume für Bienen und Insekten und appelliert an die Bauern, die Felder nicht während des Bienenfluges zu mähen. Diesem Aufruf schliesst sich auch Peter Lehmann, Präsident des Bienenzuchtvereins Oberes Emmental, an, der gleichzeitig bedauert, dass immer weniger reiner Löwenzahn-Honig geschleudert werden könne. Übrigens: Für ein Kilogramm Honig muss ein Bienenvolk über 100'000 Löwenzahnblüten besuchen.
Kulinarische Freuden
Löwenzahnblätter als Frühlingssalat oder Knospen, in Essig eingelegt und in Butter kurz angebraten, schmecken vorzüglich. Die Blüten eignen sich zur Herstellung von Sirup, Gelees und Löwenzahn-Wein. Aus den im Herbst geernteten Wurzeln wurde in Kriegszeiten ein Ersatzkaffee hergestellt. Der Saft in den Stielen wird vermehrt wieder zu Kautschuk verarbeitet. Und wären all die Namen und Verwendungsarten nicht schon genug: Im ZDF wird seit 1979 gar eine TV-Wissenssendung für Kinder namens «Löwenzahn» ausgestrahlt.