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Die Natur erwacht immer früher

Die Natur erwacht immer früher
Die Blüte der Hasel beginnt heute im Durchschnitt 18 Tage früher als noch vor 70 Jahren. / Bild: Landwirschaftlicher Informationsdienst (lid)
Natur: Haselsträucher blühen früher, Obstbäume treiben eher aus: In der Schweiz beginnt der Frühling heute deutlich früher als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Der meteorologische Frühlingsbeginn ist je­weils am 1. März. Der astronomische Frühling beginnt an der Tagundnachtgleiche, die dieses Jahr am 20. März war.

Dann gibt es noch eine weitere Art, den Beginn dieser Jahreszeit zu bestimmen: der phänologische Frühlingsanfang. Dieser rich­tet sich unter anderem danach, wie weit Pflanzen im jeweiligen Jahr entwickelt sind. Ein Zeichen für den Beginn des sogenannten Vorfrühlings ist die Haselblüte.


Fast drei Wochen früher

Die Blüte des Haselstrauchs beginnt heute im Schnitt 18 Tage früher als vor 70 Jahren. Diese Beobachtungen kann auch der Schweizer Obstverband (SOV) bestätigen. «In den vergangenen 80 Jahren hat sich das Blühdatum von Kern- und Steinobst um rund 15 Tage nach vorne verschoben», berichtet Direktor Jimmy Mariéthoz.

Dass der Frühling immer früher kommt, zeigt auch der sogenannte Frühlingsindex von Meteo Schweiz. Seit Ende der Achtzigerjahre beginnt die Vegetationsentwicklung deutlich früher, parallel dazu ist ein Temperaturanstieg im Frühling zu beobachten. Gleichzeitig beginnt der Herbst immer später und biologische Ereignisse wie Blattverfärbungen und Blattfall werden später beobachtet. Die Vegetationsperiode wird länger und die Ruhezeiten für Pflanzen somit kürzer.

Das hat weitreichende Folgen: Ein immer früher einsetzender Frühling erhöhe beispielsweise das Risiko für Frostschäden, gibt der Direktor des Schweizer Obstverbandes zu bedenken. «Entsprechend wird der Schutz der Kulturen vor Frost immer wichtiger.» Für die Frostbekämpfung gebe es verschiedene Möglichkeiten. Bei Kernobst wird häufig mit der sogenannten Frostschutzberegnung gearbeitet. Bei dieser Methode werden die Pflanzen nachts mit Wasser besprüht, um Knospen und Blüten bei Frost zu schützen. Bei Steinobst kämen je nach Situation Wasser, Abdeckungen oder auch Wärmequellen zum Einsatz, während Beerenkulturen meist mit Abdeckungen geschützt würden. «Ob eine Frostschutzmassnahme gewirkt hat, lässt sich in vielen Fällen leider erst bei der Ernte endgültig beurteilen», sagt Jimmy Mariéthoz.

Auch die Schweizer Gemüseproduzenten spüren das veränderte Wetter. «Das Wetter beeinflusst die Arbeit der Gemüsegärtnerinnen und -gärtner allerdings seit jeher – sie müssen sich an die Bedingungen anpassen», sagt Markus Waber, stellvertretender Direktor des Schweizer Gemüseproduzentenverbandes. Das frühlingshafte Wetter habe dieses Jahr, wie auch schon im Vorjahr, für einen guten Start in die Saison gesorgt. Besonders für die Salatproduktion im Tunnel oder Gewächshaus seien die Bedingungen ideal und auch auf den Feldern konnte früh begonnen werden. Wenn die Felder schneefrei und trocken seien, werde in der Gemüseproduktion mit der Bodenbearbeitung und der Aussaat oder dem Pflanzen teilweise früher begonnen.

Aber auch die Gemüseproduzentinnen hätten bei einem verfrühten Frühling mit einem erhöhten Frostrisiko zu rechnen. Bei Dauerkulturen sei das ein Problem, wobei vor allem die Grünspargeln anfällig für Schäden seien, erläutert Waber.


Chance für Obstproduzenten

Für die Obstproduzenten kann eine längere Vegetationsperiode sowohl Chancen als auch Hindernisse beinhalten. Beim Kernobst habe diese zum Beispiel zu einer Erweiterung der anbaubaren Sorten geführt. Ein früher Erntebeginn sei allerdings nicht für alle Früchte vorteilhaft – beispielsweise bei den Zwetschgen, sagt Jimmy Mariéthoz: «Konsumentinnen und Konsumenten kaufen Ende Juli wenig Zwetschgen, da diese für sie Herbstfrüchte sind.»

Bei Sommerfrüchten wie Erdbeeren und Kirschen sei der frühe Erntebeginn jedoch ein Vorteil, da die Konsumierenden auf einheimische Früchte warteten. Daneben sei eine längere Vegetationsperiode auch bei Himbeeren und Brombeeren vorteilhaft, da sie fortwährend neue Früchte bildeten.


Auch Schädlinge erwachen früher

Ein früher Frühling hat auch Einfluss auf die Tierwelt. Wenn die Obstbäume beispielsweise bereits blühen, bevor die Insekten geschlüpft sind, die sie bestäuben sollten, könnten die Obstbäume fruchtlos bleiben. Diese Entwicklung kann zusätzlich verstärkt werden: Laut Pierre-Yves Perrin, Geschäftsführer des Schweizer Getreideproduzentenverbandes, nimmt auch der Schädlingsdruck zu – vor allem in Jahren mit einem zusätzlich warmen Winter. Die-ses Jahr seien die Insekten zwar mit dem Frost im Winter etwas ausgebremst, aber beispielsweise der Flug des Rapsstängelrüsslers sei dieses Jahr trotzdem stark gewesen und habe früh begonnen. «Wie so oft geht es darum, ob die Pflanze, in diesem Fall der Raps, schnell genug wächst, um nicht von Insekten befallen zu werden», erklärt der Geschäftsführer des Getreideproduzentenverbandes.

Gemüsefachmann Markus Waber ist der Meinung, dass es grundsätzlich schwierig sei, die Entwicklung der Schädlingspopulationen vorauszusagen. Sie hänge nicht nur von den Temperaturen, sondern auch vom Wetter ab. 

Jimmy Mariéthoz vom Schweizer Obstverband: «Durch das vermehrte Auftreten bestehender, aber auch neu auftretender Krankheiten und Schädlinge stellt der Klimawandel die Landwirtschaft auf eine harte Probe.»


Chance für neue Kulturen?

Gleichzeitig böten der Klimawandel und die warmen Temperaturen auch Chancen, wie beispielsweise den Anbau anderer Kulturen. «Beispielsweise wachsen Kiwis mittlerweile sehr gut in der Schweiz – es wurden auch schon Versuche mit dem Anbau von Kakis, Feigen oder Mandeln durchgeführt», berichtet Jimmy Mariéthoz. Allerdings stünden diese Früchte in Konkurrenz zu billig importierten Früchten aus Niedriglohnländern, die oft Monokulturen betreiben würden. Markus Waber gibt ausserdem zu bedenken, dass neue Sorten und Produkte am Markt auch nachgefragt und konkurrenzfähig sein müssten.

Beim Getreide könne Soja ein Beispiel sein oder spätere Sorten beim Maisanbau, meint Pierre-Yves Perrin. «Je nach Jahr und Wetterbedingungen kann es gute Resultate geben – oder auch nicht», ergänzt er. Der Klimawandel sei eine langfristige Tendenz, bei der die Produzentinnen und Produzenten mit grösseren, nicht vorhersehbaren Schwankungen leben müssten.

09.04.2026 :: Renate Hodel, Landwirschaftlicher Informationsdienst (lid)