Kreuze mit besonderer Schrift

Kreuze mit besonderer Schrift
Die vier Holzkreuze auf dem Friedhof in Eggiwil wurden von Elisabeth Aeschlimann beschriftet. Sie bleiben stehen, bis die Grabsteine gesetzt werden. / Bild: Silvia Wullschläger (sws)
Eggiwil: Seit 30 Jahren erweist Elisabeth Aeschlimann Verstorbenen eine letzte Ehre, indem sie das Grabkreuz kunstvoll mit deren Namen bemalt. Ende April wird sie diese Aufgabe abgeben und einen Neuanfang wagen.

An Karfreitag steht das Kreuz im Mittelpunkt des Geschehens, wie es in der Bibel überliefert ist. Jesus wurde zum Tod am Kreuz verurteilt. Ein langes und qualvolles Sterben wartete auf ihn. Er nahm es klaglos hin, obwohl nicht er, sondern andere sich schuldig gemacht hatten. Das Kreuz erinnert seit den Ereignissen vor 2000 Jahren an den Tod, steht aber auch für Vergebung und wurde zum wichtigsten Symbol des Christentums. Es findet sich in Kirchen, auf Friedhöfen, an Halsketten. Vier schlichte, braune Holzkreuze stehen auf dem Friedhof in Eggiwil nebeneinander. Jedes trägt den Namen einer Person, die vor kurzem verstorben ist. Die Buchstaben in weisser Farbe fallen auf; wer die altdeutsche Schrift kennt, ist beim Lesen im Vorteil. In der Werkstatt von Elisabeth Aeschlimann hängen die noch unbeschrifteten Holzkreuze an der Wand. Sie nimmt eines, legt es auf einen hölzernen Bock und zieht mit Kreidestift und Lineal weisse Linien auf den Querbalken. Dann beginnt sie, die Buchstaben vorzuzeichnen. Seit 30 Jahren beschriftet Elisabeth Aeschlimann die Holzkreuze für den Friedhof in Eggiwil. Wird nach rund einem Jahr der Grabstein gesetzt, kehren die Kreuze in ihr «Budeli» zurück, werden abgeschliffen und braun grundiert. Ein neuer Name kann mit Pinsel aufgemalt werden.


Vom Vater übernommen

«Ich habe dieses Handwerk von meinem Vater übernommen», erzählt die bald 74-Jährige. Schon als Kind habe sie ihm gerne dabei zugeschaut. Auf Papier ahmte sie seinen Schreibstil nach. Als der Vater ins Spital musste und der Friedhofsgärtner ein Kreuz benötigte, sprang die damals 43-jährige Tochter ein. «Mein Vater konnte diese Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen nie mehr aufnehmen, und so führte ich die Tradition weiter.» Exakt 517 Kreuze hat sie seitdem beschriftet. Wie ihr Vater verwendet auch Elisabeth Aeschlimann die gotische Zierschrift. Diese habe ihr immer gefallen, sie hebe sich ab und wirke feierlich. Die Namen mit Schablonen aufzumalen, wie das vielerorts üblich ist, kam für sie nie in Frage. Mit der Zeit habe sie ihren eigenen Stil entwickelt, beispielsweise beim Gestalten der Grossbuchstaben, erzählt Aeschlimann. Während sie bei den Holzkreuzen auf Verzierungen verzichtet, kommen diese auf Karten oder Kerzen gut zur Geltung. Manches ihrer mit einem Spruch versehenen Kunstwerke wurde zur Taufe, Konfirmation oder zum Geburtstag verschenkt. Auch wenn sie «z'Märit» geht, hat sie jeweils Kerzen und Karten im Angebot, neben Handgestricktem, ihrer anderen grossen Leidenschaft.


Mehr als nur Namen

Hinter den Namen, die sie auf die Holzkreuze malt, verbergen sich die unterschiedlichsten Leben. Elisabeth Aeschlimann hat jede Person gekannt. «Manchmal geht mir das schon nahe, vor allem, wenn ein junger Mensch sterben musste, oder bei einem tragischen Unglück.» Während des Malens sei sie jeweils voll konzentriert, doch beim Vorbereiten oder beim Lasieren des Kreuzes komme sie manchmal ins Sinnieren und sie erinnere sich an die eine oder andere Begegnung mit der verstorbenen Person. Belastet habe sie die Tätigkeit aber nie. Auch die Holzkreuze für ihre Eltern hat Elisabeth Aeschlimann selber beschriftet. «Mit dem Holzkreuz kann ich den Verstorbenen etwas auf den letzten Weg mitgeben.»


Vor einem Neuanfang

Stand früher auf praktisch jedem frischen Grab ein Holzkreuz, ist dies heute anders. «Mit den neuen Bestattungsmöglichkeiten wie Gemeinschaftsgrab oder Waldfriedhof benötigt es weniger Kreuze», sagt Aeschlimann. Sie finde es gut, dass jeder die Form wählen könne, die ihm entspreche. So sei ihr Mann, der letzten Sommer verstorben ist, auf der Blumenwiese beigesetzt worden. Vor dem eigenen Tod hat Elisabeth Aeschlimann keine Angst, hat es nie gehabt. «Jedes Leben endet, das muss man akzeptieren.» Enden wird auch bald ihre Tätigkeit als Grabkreuzmalerin. Ende April gibt sie diese Aufgabe ab. «Das Problem sind die Augen. Das lange, konzentrierte Sehen strengt mich zu sehr an.» Sie sei froh, dass in Erika Blatter eine Nachfolgerin gefunden werden konnte. In welcher Art diese die Namen schreiben werde, bleibe ihr überlassen. Elisabeth Aeschlimann gibt nicht nur das Beschriften der Holzkreuze ab. Es bahnen sich auch sonst Veränderungen an. Im Sommer reist sie nach Texas zu ihrer Tochter und der Familie; vorerst mit einem Touristenvisum für drei Monate, danach, wenn es klappt mit der Aufenthaltsgenehmigung, für immer. «Oder bis es mir nicht mehr gefällt», sagt sie und lacht. Sie freue sich auf diesen neuen Lebensabschnitt.


Symbol der Hoffnung

Auch die Ereignisse an Karfreitag vor 2000 Jahren stellten einen Neuanfang dar. Jesus starb zwar unter Hohn und Spott qualvoll am Kreuz, aber, so steht es in der Bibel, er kehrte am dritten Tag nach der Kreuzigung ins Leben zurück. Die Auferstehung Jesu an Ostern begründet den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Das Kreuz blieb damit nicht ein Todeszeichen, sondern ist zum Symbol der Rettung, Erlösung und Hoffnung geworden.

02.04.2026 :: Silvia Wullschläger (sws)