Kanton Bern: In erster Linie kann man als Wähler eine bestimmte Partei unterstützen – mit Panaschierstimmen aber auch gezielt Kandidatinnen von anderen Listen.
Jürg Rothenbühler (Mitte), ehemaliger Präsident der Regionalkonferenz Emmental, war der populärste Kandidierende im Wahlkreis Emmental bei den Grossratswahlen 2022. Mit geringem Rückstand folgte auf Platz 2 der Burgdorfer Stadtpräsident Stefan Berger (SP) vor dem 2024 zurückgetretenen Ernst Tanner (EDU) aus Ranflüh. Das zeigt die untenstehende Tabelle. Unter den besten 20 finden sich alle vor vier Jahren gewählten Grossrätinnen und Grossräte.
Wie kommt es zu dieser Rangliste? In den meisten Publikationen gilt als bestgewählte Person bei Proporzwahlen der Kandidat oder die Kandidatin mit den meisten Stimmen. Die ersten Plätze werden dann fast ohne Ausnahme von Kandidierende der stärksten Partei belegt, im Wahlkreis Emmental also von der SVP. Die Probe aufs Exempel: Das höchste Total mit 6051 Stimmen erreichte Ueli Gfeller aus Schangnau, auf Platz 2 folgte Andrea Gschwend-Pieren aus Kaltacker (5937 Stimmen) und das dritthöchste Total erzielte der Langnauer Gemeindepräsident Walter Sutter (5766 Stimmen) – sie alle gehören zur SVP. Diese Liste liesse sich fortführen: Unter den 20 Kandidierenden mit den meisten Stimmen waren 15 von der SVP. Die Erklärung dafür ist einfach: Wer im Wahlkreis Emmental auf einer der beiden SVP-Listen antrat, profitierte automatisch von den vielen unveränderten und veränderten Listen, die für sie eingelegt wurden. Das Stimmentotal misst demnach eher die Popularität der Partei – in diesem Fall der SVP – als die Popularität der Kandidierenden.
Panaschierstimmen als Massstab
Um die Popularität einzelner Kandidierender zu bestimmen, gibt es ein besseres Instrument, nämlich die Panaschierstimmen: Wer Panaschierstimmen verteilt, schreibt Namen handschriftlich auf seinen Wahlzettel, er will einzelnen Personen bewusst einen Vorteil verschaffen. Mit dem Vergleich der Panaschierstimmenzahlen von Kandidierenden einer Proporzwahl kann die Frage der Popularität am besten beantwortet werden. Allerdings muss ein wichtiges Detail beachtet werden: Je stärker eine Partei ist, umso geringer ist die Zahl der fremden Listen, die als Herkunft von Panaschierstimmen in Frage kom-men – und umgekehrt. Wie man im Wahlkreis Emmental auf die Zahlen in der Tabelle kommt, wird im Kasten nebenan erklärt.
Im Gegensatz zu einer Rangierung nach dem Stimmentotal sind in der Tabelle alle Parteien vertreten, die 2022 im Wahlkreis Emmental einen Sitz geholt haben; neunmal die SVP, je zweimal die Mitte, die SP, die
FDP und die Grünen sowie je einmal die EDU, die EVP und die GLP. Wie nicht anders zu erwarten war, haben es alle Gewählten unter diese populärsten 20 geschafft. Bester Nichtgewählter war Ernst Kühni (SVP) auf Rang 12. Sein Resultat war insofern bemerkenswert, als er drei gewählte Parteikollegen (Ruedi Fischer, Alfred Bärtschi und Markus Aebi) hinter sich lassen konnte. Kühni erhielt zwar viele Panaschierstimmen, wurde aber parteiintern schlechter unterstützt als Bärtschi, der auf der gleichen Liste (SVP oberes Emmental) kandidierte.
Nur vier Frauen in den besten 20
Etwas enttäuschend war im Wahl-kreis Emmental das Abschneiden der Frauen: Nur vier hatten es unter die 20 besten geschafft; die Grüne Anna de Quervain mit Rang 18 nur knapp. Am besten schnitt Andrea Gschwend-Pieren auf Rang 4 ab. Die beiden während der Legislatur Nachgerückten Roland Ryser (SVP, für Markus Aebi) und Barbara Maurer (EDU, für Ernst Tanner) lagen 2022 als Neukandidierende weiter zurück.