Neulich las ich einen Artikel, in dem es um Themen wie Fortschritt und Technik, Globalisierung und Digitalisierung
ging. Als anekdotische Randbemerkung wurden in dem Bericht Berufe erwähnt, die es heute nicht mehr gibt.
Wasserträger, zum Beispiel, oder Abortanbieterin. Das faszinierendste Müsterli, fand ich, war der Beruf des
Schmuckeremiten. Was zum Kuckuck tun Schmuckeremiten, fragte ich mich und konsultierte sogleich das Internet.
Folgendes fand ich heraus: Im 18. Jahrhundert wurden die barocken, geometrisierten Gärten, wie man sie etwa von
Bildern aus Versailles kennt, nach und nach von begehbaren Landschaftsgemälden abgelöst, sogenannten englischen
Gärten. Ein mächtiger Laubbaum mit ausladendem Wurzelwerk hier, eine kleine Burgruine da. Und wer es sich leisten
konnte, hielt sich in einer kargen Kate oder in einer Höhle einen Schmuckeremiten, der dort gegen Bezahlung hauste.
Im Grunde genommen so etwas wie ein lebendiger Gartenzwerg. Ich stelle mir vor,
wie ich vor zweihundert Jahren auf der Berufsberatung einen Neigungstest ausfülle und dabei herauskommt, dass
ich mich für nichts besser eigne als für den Beruf des Schmuckeremiten. Die Anforderungen sind überschaubar: Ich
verzichte darauf, Haare, Bart und Zehennägel zu schneiden und ich kleide mich ärmlich. Zu bestimmten
Tageszeiten, dann nämlich, wenn die adligen Herrschaften, welchen der Garten gehört, ihren Spaziergang machen,
trete ich aus meiner Höhle und verleihe der Parkanlage als der naturverbundene Idealmensch, der ich bin, durch
meine pure Präsenz einen romantischen Touch. Ich könnte das. Ich wäre ein Bijou von einem Ziereinsiedler.
Caspar David Friedrich würde mich malen. Den Beruf des
Schmuckeremiten gibt es heute nicht mehr. Er geriet aus der Mode. Mancherorts kamen als Folge der Technisierung
noch mechanische Puppen zum Einsatz, später verschob sich das Interesse komplett weg vom edlen Eremiten hin zu
den unsäglichen Völkerschauen. Eine Folge der Globalisierung. Eigentlich schade. Gärten gäbe es schliesslich
noch zur Genüge. Ich kenne keinen Menschen, der Gärten doof findet. Niemanden. Gärten machen Menschen
friedlicher. In Gärten spürt man die Zeit, man nimmt die Natur wahr. Man atmet. Manchmal setze
ich
mich hinter unserem Haus unter den Haselstrauch und lasse meinen Bart wachsen. Wer weiss, vielleicht gibt es ja
eine Rückbesinnung, ein Comeback der Gartengammler. Dann wäre ich, für den Fall einer beruflichen
Umorientierung, bereits bestens
vorbereitet.