Unterwegs zu Gotthelfs Zeiten

Unterwegs zu Gotthelfs Zeiten
Die Macher der Ausstellung zeigen sich moderner Technik offener gegenüber als Jeremias Gotthelf es war. Mit KI generierten sie ein Bild aus Gotthelfs Beschreibung eines «neumödischen Dampfschiffs». / Bild: Bettina Haldemann-Bürgi (bhl)
Lützelflüh: Die Sonderausstellung im Gotthelf Zentrum widmet sich dem Thema Mobilität. Gotthelf selber war meist zu Fuss unterwegs. Die Eisenbahn faszinierte und beunruhigte ihn.

Wer früher von A nach B wollte, ging zu Fuss. Ein Wegweiser und ein nachgebauter Stundenstein vor dem Gotthelf Zentrum zeigen die Orte an, die Gotthelf regelmässig zu Fuss aufsuchte. Nach Bern benötigte er knappe sechs Stunden, nach Sumiswald eineinhalb Stunden und nach Trachselwald eine Stunde. «Wenn man noch an die Krankenbesuche denkt, die der Pfarrer in der weitläufigen Gemeinde Lützelflüh machte, musste Albert Bitzius eine gewisse Fitness mitbringen», stellte Markus Hofer an der Vernissage humorvoll fest. Der Germanist ist Präsident des Beirats, der die Ausstellung konzipiert hat. In der Ausstellung hängt ein Reisetor­nister von 1843, den Fussreisende mit ihren Sachen stopften und über die Schulter hängten. Für weite Strecken reiste man in der Postkutsche. Die Kutschen seien jedoch lange nur im Schritt-Tempo gefahren, ist aus der Ausstellung zu erfahren. Und bei schwierigen Stellen hätten die Passagiere aussteigen müssen. Erst mit der Verbesserung der Strassen im 19. Jahrhundert habe man die Geschwindigkeit auf rund 12 Stundenkilometer steigern können. Beliebtes Ziel war das Gurnigelbad, das man von Bern in sieben Stunden erreichte. Auch die Glunggen-Bäuerin und Elisi reisen im Roman «Uli der Knecht» dorthin. An einer steilen Stelle fordert der Kutscher die Passagiere auf, auszusteigen, doch Elisi weigert sich. Sie habe fürs Fahren bezahlt und nicht fürs Gehen, schimpft sie. Seufzend gibt die Bäuerin nach, streckt dem Kutscher ein Trinkgeld hin mit der Bitte, ihre Tochter fahren zu lassen, während sie selber schwer atmend zu Fuss neben der Kutsche den Hang hinaufsteigt.


Probefahrt in der Eisenbahn

Gotthelf hat den Übergang von der Postkutsche zur Eisenbahn miterlebt. 1841, drei Jahre bevor der erste Zug in die Schweiz einfuhr, hat er eine Probefahrt auf der Strecke Saint-Louis nach Mulhouse unternommen, wird in der Ausstellung berichtet. Später liess er seine Erfahrungen in den Roman «Jacobs Wanderungen durch die Schweiz» einfliessen: «Allweg mit Beben setzte sich Jacob am folgenden Morgen auf die Eisenbahn, und als sie zu surren und zu schnurren begann, der Boden unter ihm dahin flog, da klopfte ihm das Herz und es war ihm wirklich, als müsse der Zug Flügel kriegen und gen Himmel fahren. Indessen dauerte das Bangen nicht lange, machte dem Behagen Platz und dem Wohlgefallen, Städte und Dörfer an sich vorbeifliegen und im Rücken Platz nehmen zu sehen.» Gotthelfs kritischer Geist ist in der Ausstellung omnipräsent. Einerseits begrüsst er die technischen Erneuerungen, andererseits warnt er vor Ungeduld und Überheblichkeit. Wenn er über das kopflose Bauen von neuen Strassen schimpft, wenn er den Ausbau des Gurnigelbads beklagt, das zu ei-nem Ort werde, wohin nur noch die Reichen kämen, wenn er vor übertriebenem Fortschrittsglauben warnt, dann spürt man ein Rufer in der Wüste, der nicht davor zurückschreckt, sich unbeliebt zu machen.


Gotthelfs Fantasie modern generiert

Schliesslich ist noch ein Wort über das gelungene Ausstellungsplakat zu verlieren. Gotthelf liess sich von den technischen Erneuerungen in seiner Fantasie beflügeln. Die Ausstellung zitiert eine Kalendergeschichte, in der Gotthelf von einem «neumödischen Dampfschiff» erzählt, das halb Walfisch und halb Dampfschiff sei. Man habe den Fisch ausgehöhlt und dressiert. Es sei schön warm drinnen, und wenn es Sturm gebe, fahre man durch die Tiefe des Meeres, wo alles schön still und von Seekrankheit keine Rede sei. Die Ausstellungsmacher hatten die Idee, mit künstlicher Intelligenz ein entsprechendes Bild zu kreieren. Das Resultat überzeugte und ziert nun das Plakat zur Ausstellung. Den Ausstellungsmachern ist eine sehenswerte und lehrreiche Ausstellung gelungen.

05.03.2026 :: Bettina Haldemann-Bürgi (bhl)