Jean Cusson (oben) war Trainer und Spieler der Mannschaft, die vor genau 50 Jahren den Meistertitel gewinnen konnte. / Bild: Hans Wüthrich (hwl)
Eishockey: Vor 50 Jahren war das Emmental eine Festhütte: Der SC Langnau war Meister! Zwei Spieler erinnern sich und vergleichen mit heute.
Dienstag, 2. März 1976. Die Langnauer führen im alles entscheidenden letzten Meisterschaftsspiel gegen Biel zehn Sekunden vor Schluss des ersten Drittels 3:1. Da erhöht Jürg Berger nach einer Kombination mit dem kanadischen Spielertrainer Jean Cusson und Hans Wüthrich auf 4:1. Es war in der mit 5878 Personen ausverkauften Ilfishalle die Entscheidung. Vor allem aber bedeutete es den Gewinn des ersten und einzigen Schweizer Meistertitels in der Klubgeschichte der Emmentaler. Jürg Berger erinnert sich noch heute, fünfzig Jahre danach, an viele Momente dieses einmaligen Abends: «Das ganze Emmental verwandelte sich in eine einzige Festhütte. Es wurde bis ins Morgengrauen ausgiebig gefeiert. So gegen Mitternacht war die Mannschaft vollständig zur Meisterfeier im Restaurant Ilfisbrücke versammelt.» Das «Champions-Dinner», kann man im Band 7 der Klubgeschichte von Alfred Lehmann nachlesen, war währschaft wie das Team selbst: Poulet, Pommes Frites und einen Fruchtsalat zum Dessert, dazu Bier und Wein. «Wir sind eben ein einfaches Völkli», meinte Topskorer Rolf Tschiemer. Eines, das noch einem geregelten Beruf nachging. So wie Jürg Berger. «Bei mir wurde es schon etwa 03.00 oder 04.00 Uhr. Aber nach ein paar wenigen Stunden Schlaf war ich auch als frischgebackener Schweizer Meister wieder in der Bude. Das war für mich selbstverständlich. Mein Arbeitgeber hat mich während meiner Karriere immer, so gut es ging, unterstützt.» Vergoldet werden konnte die Goldmedaille damaligs nicht. Jeder Meisterspieler erhielt Punkt- und Rangprämien, Materialspesen und ein «Extra» für den Titel - rund 12'000 Franken.
Um keinen Preis tauschen
Fünfzig Jahre danach ist nichts mehr wie in der guten, alten Zeit. Eishockey hat sich auch im Emmental vom Amateur- zum Vollprofitum und zu einer hochbezahlten Ganzjahressportart entwickelt. Aus den Klubs sind Millionenunternehmen geworden. Romantische Stadien wie die Ilfishalle, die Valascia in Ambri oder das Zürcher Hallenstadion machten modernen Arenen Platz, mit erstklassigen Trainingsbedingungen und viel Komfort für das Publikum. Hat sich Jürg Berger überlegt, wie es wäre, wenn er nicht anno dazumal, sondern heute Eishockey spielen würde? «Nein, nie», antwortet er entschieden. «Ich würde um keinen Preis tauschen wollen. Ich bin mehr als zufrieden, mit dem, was ich mit dem SC Langnau erreicht habe. Ich war dabei auf dem Höhepunkt der Klubgeschichte von 1975 bis 1981 mit einem Meistertitel, zwei Silber- und drei Bronzemedaillen. Ich wurde für über sechzig Länderspiele aufgeboten, bestritt sechs B- und C-WM-Turniere und durfte an den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck teilnehmen. Das war eine unvergessliche Zeit, die mir niemand nehmen kann.» Die Serie von sechs Medaillengewinnen innerhalb von sieben Jahren erfuhr eine
zusätzliche Aufwertung, weil sie in einem Dreikampf mit den Kantonsrivalen Bern und Biel errungen wurde. «Dass wir uns in dieser ‹Berner Meisterschaft› behaupten konnten, darauf sind wir alle noch heute stolz», betont der 72-jährige Berger, der dem Eis bis heute treu geblieben ist, als Eismeister des Eisfeldes Langnau.
Mit den Eigenen am stärksten
Die Meistermannschaft von 1976 hatte eine Zusammensetzung wie sie heutzutage nicht mehr möglich wäre. Die Langnauer waren die letzte reine Dorfmannschaft in der Nationalliga A. Die Basis wurde in der eigenen, von Hans Brechbühler geführten Nachwuchsabteilung gelegt. Mit den Junioren waren sie so stark und erfolgreich wie vor- und nachher nie mehr. In der Meistersaison kamen 22 Spieler zum Einsatz und nur vier waren keine waschechten Langnauer: Die beiden Goalies Michael Horak und Edi Grubauer sowie Heinz Huggenberger und der Kanadier Jean Cusson. Sie passten aber zur Mannschaft, sie waren die haargenau richtige Ergänzung zum Kern der Mannschaft. «Wir waren eine verschworene Gesellschaft», betont Jürg Berger. «Wir begegneten uns in der Schule, beim Eishockey und im Alltag sozusagen auf Schritt und Tritt. Selbstverständlich hat es bei uns ab und zu auch mal gehörig ‹gräbelt›. Dann setzten wir uns zusammen, haben uns die Meinung gesagt und danach war das Problem ein- für allemal erledigt.» Jean Cusson, der kanadische Meistertrainer, ist heute 83-jährig und lebt in der Nähe von Montreal. Die meisterliche Goldmedaille hat einen Ehrenplatz erhalten. Sie hängt im Wohnzimmer neben der bronzenen Auszeichnung, die Cusson als Stürmer mit dem kanadischen Team an der WM 1967 in Wien gewonnen hat. Vergessen hat er seine Zeit in Langnau bis heute nicht: «Der Teamgeist war einmalig. In meiner gesamten Karriere als Spieler und Trainer habe ich nie einen Zusammenhalt erlebt wie in Langnau. Er war ausschlaggebend für den Titelgewinn.» Und Jean Cusson ist sich auch bewusst, dass er zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen ist. «Hans Brechbühler hatte im Nachwuchsbereich eine Generation mit zig Talenten aufgebaut.» Brechbühler habe einen enormen Verdienst an den «goldenen Jahren» des SC Langnau.» Jean Cusson war Spieler und Trainer, eine Doppelfunktion, die heute undenkbar ist. Hans Brechbühler unterstützte ihn in den Trainings und während den Spielen: «Wir verstanden und ergänzten uns sozusagen blindlings», erinnert sich Cusson. «Und er blieb auch in den hektischsten Momenten die Ruhe selbst».