Was Social Media mit dem Gehirn macht

Was Social Media mit dem Gehirn macht
Die Referentin Barbara Studer hielt mit ihrem Vortrag das Publikum in Atem. / Bild: zvg
Hasle: Neurowissenschaftlerin Barbara Studer zeigte in ihrem Referat auf, was Medienkonsum im Gehirn von Jugendlichen auslöst – und wie Eltern und Kinder gegensteuern können.

Der Saal im Kalchofen Eventhouse war voll besetzt, ein zusätzlicher Raum per Videoübertragung zugeschaltet; fast zwei Stunden lang hielt die Neurowissenschaftlerin und Psychologin Barbara Studer von der Hirncoach AG ihr Publikum beim Vortrag in Atem. Mit musikalischen Einlagen, interaktiven Übungen und einer Prise Humor vermittelte sie, was die Hirnforschung über Medienkonsum, das jugendliche Gehirn und die eigenen Gewohnheiten zu sagen hat.


«Wegen Baustelle geschlossen»

Der Frontallappen – jener Teil des Gehirns, der für Planung, Impulskontrolle und Selbstregulation zuständig ist – reift erst um das 25. Lebensjahr vollständig aus. Bei Jugendlichen sei er bildlich gesprochen «wegen Baustelle geschlossen», so Studer. Gleichzeitig seien die Dopaminbahnen im Teenagerhirn besonders aktiv. Dopamin ist im Gegensatz zur landläufi-gen Meinung kein Glückshormon, sondern ein Antriebshormon – es treibt uns zur nächsten Belohnung. Social Media und Games nutzen genau diesen Mechanismus. Nach dem Scrollen oder Gamen entsteht ein Dopamindefizit, das sofort nach Nachschub verlangt. Eine Spirale, aus der Jugendliche ohne Unterstützung kaum allein herausfinden.

Studien zeigen: Jugendliche, die ihren täglichen Bildschirmkonsum von über vier Stunden auf zwei Stunden reduzierten, berichteten bereits nach drei Wochen von besserem Wohlbefinden und stärkeren Beziehungen. «Es gibt keine Studie, die zeigt: Je mehr Medien, desto besser geht es  den Jugendlichen», betonte die Neurowissenschaftlerin.


Gehirnfäule – kein Witz

Besonders deutlich wurde Barbara Studer beim Thema Gehirnentwicklung: Bei Jugendlichen mit mehr als zwei bis drei Stunden täglicher Bildschirmzeit arbeitet das Gehirn messbar weniger effizient. Die Wissenschaft spricht von «brain rot» – Gehirnfäule. Laut Studer baut das Gehirn Verbindungen ab, statt neue aufzubauen – und auch das Lesen leidet. Texte auf dem Bildschirm werden oberflächlicher verarbeitet als solche in einem Buch. Ein zusätzliches Risiko bergen digitale Lehrmittel. Ein einziger Klick genügt, und statt beim Schulstoff landet man auf YouTube.


Der ständige Vergleich mit der Welt

Früher fühlte man sich vielleicht als besonders gute Sängerin im Klassenzimmer. Heute vergleichen sich Jugendliche auf Instagram mit Tausenden anderen. Es gibt immer jemanden, der schöner, talentierter oder weiter ist. Und wer etwas postet, das er kann, findet sofort andere, die es schon lange besser können. Dieser permanente Vergleich nage am Selbstwert auf eine neue, nie dagewesene Art – und befeuere psychische Belastungen, die laut der Psychologin messbar zunehmen.

Ihr Rat an alle Eltern war klar. Kinder sollten so lange wie möglich kein eigenes Smartphone erhalten. «Sie verpassen nichts – im Gegenteil.» Emotionale Entwicklung lässt sich, so Studer, nur schwer nachholen. Konkrete Empfehlungen: keine Geräte im Schlaf- beziehungsweise Kinderzimmer, handyfreie Zonen im Alltag, Benachrichtigungen deaktivieren, während des Lernens kein Handy in der Nähe. «Nicht, weil Technologie böse ist», so Studer, «sondern weil das Gehirn von Jugendlichen diese dauerhafte Stimulation schlicht nicht braucht.»

Überraschend, aber wissenschaftlich belegt; Jugendliche, die im Alltag Verantwortung übernehmen – im Haushalt, für Geschwister, für Aufgaben – haben eine nachweislich bessere mentale Gesundheit. Sie fühlen sich nützlich und selbstwirksam. Ein starker Gegenpol zur passiven Mediennutzung.


Vergeben, bewegen, schlafen

Mentale Stärke zeigt sich nicht nur im Umgang mit dem Handy. Barbara Studer machte deutlich, wie viel Kraft das Gehirn aufwenden muss, wenn wir nicht vergeben können. Wer Groll mit sich trägt, belastet sein Gehirn dauerhaft – ähnlich wie chronischer Stress. Vergeben sei keine Schwäche, sondern eine kognitive Leistung, die uns selbst schützt. Dasselbe gelte für weitere Grundlagen: ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung, genug Schlaf und nicht zu vergessen soziale Kontakte. Keine netten Empfehlungen, sondern nachgewiesene Voraussetzungen dafür, dass das Gehirn sich regulieren, lernen und gesund bleiben kann.


Die gute Nachricht

Was wir denken und tun trainiert unser Gehirn – in jede Richtung. Wer achtsam ist, Pausen ohne Bildschirm zulässt und dem Gehirn Raum zum Verarbeiten gibt, stärkt seine mentale Gesundheit. Selbst Kleinigkeiten wie eine aufrechte Haltung, ein Lächeln oder ein bewusster Morgen ohne Nachrichtenflut machen schon einen Unterschied. Barbara Studers abschliessender Appell an das Publikum: «Wählt, was euch wertvoll ist und was euch guttut. Ihr seid die Chefin oder der Chef eures Kopfes.»

09.04.2026 :: Remo Reist (rrz)