«Es braucht Geduld und beruhigt»

«Es braucht Geduld und beruhigt»
Die Keramikmalerin Mar­tina Zurbrügg lässt auch im Winter Blumen wachsen. / Bild: Nina Hänni (nhs)
Blumiges 2026: Seit Jahrhunderten sind Blüten ein beliebtes Schmuckmotiv für Keramik. Welche Blumendekore prägen das Emmental? Und wie werden die Motive auf die Gefässe gemalt?

Noch blüht es spärlich vor dem Fenster. Es gibt jedoch einen Ort, an dem Blumen das ganze Jahr über anzutreffen sind – in einem über 100-jährigen Bauernhaus in Trubschachen. Noch länger reicht die Geschichte von Aebi Keramik zurück. Die Töpferei gehört jetzt Martina Zurbrügg. «Es braucht Geduld, und ist beruhigend. Ein wenig wie Mandala-Malen», meint Zurbrügg. Sie hält ein Herz aus Ton in der Hand und bemalt es mit Blumen. Ihre Handgriffe zeugen von jahrzehntelanger Übung. Im Regal türmen sich rohe Gefässe. Es ist heiss, der Brennofen arbeitet. Drei Frauen sitzen an der Werkbank, im Hintergrund läuft ein Radio. Ansonsten ist es fast still. Gelegentlich hört man, wie ein Gefäss plätschernd in Grundfarbe getaucht, abgestreift und wieder auf die Arbeitsfläche gestellt wird. Präzise und zügig lässt Martina Zurbrügg die hellgrünen Blumen auf dem Tonherz wachsen. Mit dem Malhörnchen werden Linien gezogen oder es wird getupft. Auch den Pinsel verwendet die Keramikmalerin. Diese Flächen sind weniger homogen, es entsteht ein anderer Effekt. Mit dem Holzstempel, einem kleinen Stab mit Kuppe, können kleine Kreise gedruckt werden. «Wir machen meistens diese Stempelblüemli», erklärt Zurbrügg. Es seien Vergissmeinnicht oder Dahlien.


«Es ist wie beim Kuchenbacken»

«Später sieht es anders aus, die Farben verändern sich beim Brennen», meint die Keramikmalerin. Je nach Gefühlslage und Saison variiere ihre Lieblingsfarbe, Türkis und Weiss im Winter, ein saftiges, helles Lindengrün im Frühling, und im Sommer ein Blau, «wenn ich Lust auf Meer habe». «Für die Malhörnchen hat man früher Geissenhörner benutzt», erzählt Martina Zurbrügg. Später habe man sie getöpfert. In die tropfenförmigen Gefässe wird Farbe eingefüllt, die dann durch eine Hühnerfeder herausfliesst. Die Tonhörnchen sind immer noch im Einsatz; die traditionelle Technik heisst Hörnlimalerei. Das getöpferte Gefäss wird in eine Grundfarbe getaucht, bemalt oder auch eingeritzt. Malfehler kann man mit Messer oder Kratzer korrigieren. Dann wird das Werk langsam auf 1000 Grad erhitzt und wieder vorsichtig abgekühlt, was 24 Stunden dauert. Nach dem Glasieren mit Quarz, Kaolin und Feldspat wird noch einmal für 24 Stunden gebrannt, danach ist das Gefäss wasser- und spülmaschinenfest; der Quarz ist zu Glas geworden. Die Farben werden aus eingefärbtem weissem Ton, einem Farbkörper aus Metalloxid oder Gestein, und Wasser, gemischt. «Es ist wie beim Kuchenbacken», erzählt Zurbrügg schmunzelnd. «Jede Töpferei hat ihre eigenen Rezepte, die Farben, die wir verwenden, sind vor Jahrhunderten entwickelt worden.» Manchmal müsse man etwas anpassen, wenn sich die Rohstoffe veränderten. Es sei ein Qualitätsmerkmal, selber zu mischen, und nicht einfach ab der Stange zu kaufen. Nicht alle Farben kosten gleich viel. «Kobalt für Blautöne ist noch heute teurer als Zutaten anderer Farben. Früher hatten nur die Königshäuser blaues Geschirr», erklärt Zurbrügg. Es seien nur Pastellfarben mischbar, eine knallig rote Rose beispielsweise gehe nicht. Doch die Keramikmalerin weiss sich zu helfen. Für den Flamingo habe sie halt Altrosa genommen. Moment, Flamingo? «Ja», lacht Zurbrügg, «es gibt Trends. Bei den Motiven, und auch bei den Farben.» Blumen zieren zahlreiche Stücke im Laden, es gibt auch Bäris, Bäume, Musikinstrumente. Durch die meist schwarze Grundfarbe leuchten die hellbunten Blüten noch mehr.


Eine der letzten Handwerkerinnen

Die Geschäftsinhaberin der Aebi Töpferei ist Keramikmalerin; eigentlich gibt es die gar nicht mehr. Ihr Beruf wurde mit dem Töpfer zur Keramikerin zusammengelegt. «Es ist schade», meint sie, «das Handwerk geht verloren.» Schweizweit gibt es noch fünf Lehrbetriebe, Aebi ist einer davon. Der Fokus der Ausbildung liege mehr auf der Kunst, sagt Zurbrügg. Sie möchte aber das Handwerk erhalten, das Fertigen von schönen, gleichmässigen Alltagsgegenständen. Ihr Anspruch ist, dass beispielsweise die Schalen alle gleich aussehen, mit derselben runden Form. So produziert Aebi Serien, vom Blumentopf über das Milchkännchen bis zur Suppenschale, mit einheitlichen Motiven und Farben. Die einzelnen Gefässe können zu einem Service kombiniert werden, das dann das ganze Jahr über die strahlenden Stempelblumen zeigt.

Von den Rosen bis zum Enzian - das Blütendekor folgt der Mode der jeweiligen Zeit

«Im Emmental schuf man Irdenware, sogenanntes Hafnergeschirr. Es sind Alltagsgegenstände für eine bäuerliche Bevölkerung, mit volkstümlichem Dekor», erklärt der Archäologe Andreas Heege. Er hat die Langnauer Keramik eingehend untersucht und die Bilddatenbank «Ceramica-ch.ch», ein nationales Keramikinventar, gestaltet. Es gebe zwei Arten, zu dekorieren, erklärt Heege. Man könne Blumen naturalistisch malen, also genau so, wie sie aussehen. «Das hat man mehr in der Stadt gemacht, zum Beispiel in Bern bemalte man weisse Kachelöfen mit feinen, bunten Blüten.» Dies sei sehr aufwendig. Hier im Emmental habe man die Blumen stilisiert, statt sie als genaue Abbilder der Realität zu malen. «Bereits im Mittelalter schmückte man Keramik mit stark stilisierten Rosen, sogenannten Rosetten.» Sie war denn auch die erste Blüte, die die Tellerränder im Emmental zierte. «Die Rose gilt als Königin der Blumen. Sie steht für die Liebe, und war ein beliebtes Schmuckelement. In katholischen Gebieten steht sie für Maria.» Später, im 17. und 18. Jahrhundert, gab es einen Tulpentrend. Aus der Türkei über Venedig und die Niederlanden gelangten die Blumen mit der gefälligen Form in die Schweiz. Als die Tulpenzwiebeln erschwinglich wurden, wurden sie zu einem festen Bestandteil der Gärten und der Volkskunst im Emmental. Sie hätten keine symbolische Bedeutung, so Heege, waren einfach Mode. Form und Dekor von Keramik seien Zeugen der jeweiligen Zeit. «Von Generation zu Generation gibt es Trends. Variationen, die im Alltag praktisch sind und den Menschen gerade gefallen, setzen sich eine Zeit lang durch.» Auch das Edelweiss habe lange niemanden interessiert. Erst 1860, als die englischen Bergsteiger kamen, wurde es zur Modeblume und erschien, auch am Rande des Emmentals, auf Keramik. «Und 1890, als man merkte, dass die Touristen Alpenblumen mögen, gab es den Enzian-Trend.»

19.02.2026 :: Nina Hänni (nhs)