Ob beim Unihockey, Bänklifussball oder hier beim Völkerball – das Zusammenspiel in der Gruppe funktioniert. / Bild: Remo Reist (rrz)
Bärau: In der Inklusions Sportgruppe Emmental trainieren Sportbegeisterte mit und
ohne Behinderungen gemeinsam. Alle bestimmen zusammen, wie das Training abläuft.
Zwölf Leute treffen sich in der Turnhalle in Bärau zum Training, zwei weitere schauen zu. Trainiert wird jeden Mittwoch ab 16.45 Uhr. Zu Beginn laufen alle ein paar Runden, nach den Dehnübungen stehen Völkerball und später Unihockey auf dem Programm.
«Die folgende Übung nennt man ‹Karussell›», erklärt Wilfried Kuhlbörsch, der Initiator der Sportgruppe. Es wird kurzzeitig ganz leise in der Halle, damit man seine Stimme hören kann – er lebt seit 27 Jahren mit den Folgen einer Kehlkopf-Operation. Man übt verschiedene Ballabgaben und Schusstechniken, bevor es in ein Spiel übergeht. Niemand zählt die Tore.
Was 2022 mit drei Personen als Versuch unter seiner Leitung begann, wurde 2024 zur Inklusions-Sportgruppe Emmental. Willi, wie er gerne genannt wird, ergänzt: «Die Sportler mit Behinderungen wollten einen eigenen Verein, und so haben wir ihn gemeinsam ins Leben gerufen.»
Niemand wird schräg angeschaut
Das Zusammenspiel funktioniert reibungslos. Ab und zu lassen die Mitspielenden sogar eine Lücke offen, damit alle zum Abschluss kommen. Willi Kuhlbörsch deutet auch mal an, einem der Spieler freie Bahn zu lassen, und für seine zwei Top-Chancen wird der Stürmer gebührend gefeiert. Ein anderer Teilnehmer ruht sich in der zweiten Hälfte aus, doch niemand stört sich daran – sein Team hält in Unterzahl gut mit. Zum Abschluss folgt noch eine Runde Bänklifussball, und es lässt sich sagen: Nach 90 Minuten sind alle ausgepumpt. Auch der Journalist, der ganz selbstverständlich mitmachen durfte. Leute, denen anderswo Defizite zugeschrieben werden, müssen hier keinen Moment schräge Blicke fürchten. In diesem Verein gibt es keine Hindernisse.
«Wo Geduld ist, geht fast alles»
«Wir wollten eine Sportgruppe, in der alle nach ihren eigenen Möglichkei-ten mitmachen und Freude haben können», sagt Willi Kuhlbörsch. Nach seinem Geschmack würden andere Gruppen ihre Mitglieder eher in ein Schema pressen. «Bei uns trainieren Menschen mit körperlichen, psychischen, geistigen und auch ohne Behinderungen gleichberechtigt zusammen.» Man stimme sich spontan ab, wer welchen Teil übernimmt – Einlaufen, Turnen, Spielgestaltung. Jeder und jede darf Wünsche einbringen.
Auch ein, zwei kurzzeitige Aussetzer werden nicht kommentiert. «Hier haben auch Menschen mit einer psychischen Behinderung genügend Raum, um sich zu entfalten», betont der Initiiant. Er wohnt in Grünenmatt, ist 64 Jahre alt und ausgebildeter Therapeut. «Unsere Mitglieder haben mit ihrer Lebensgeschichte ein feines Gespür füreinander entwickelt. Sie wissen intuitiv, wann jemand eine Pause braucht und tolerieren einander.» Grenzen gebe es kaum, wo Geduld da sei, da gehe fast alles. Menschen, die zögern, ein Probetraining zu besuchen, ermutigt er, es einfach zu probieren, alles loszulassen und vorbeizukommen. «Man kann so viel erreichen, wenn man es wagt.»
Gemeinsam etwas erleben
Unihockey hat höchste Priorität, weil es möglich ist, bei Turnieren von Special Olympics anzutreten. Wettbewerbsgedanken seien vorhanden, doch im Training stehe das Miteinander im Vordergrund, so Kuhlbörsch. Mitte April wird das Team als «The Flying Eagles» das erste Turnier des Jahres bestreiten, weitere werden folgen. Dank verschiedenen Stärkegruppen habe jedes Team eine faire Chance.
In Erinnerung geblieben sei ihm, als Konfirmanden mehrere Wochen mittrainierten. «Man konnte spüren, wie Berührungsängste verschwanden, allein durch die Begegnung im Spiel und den Austausch.» Genau das wünsche er sich für die ganze Gesellschaft. «Menschen mit Behinderungen sind keine Bittsteller, sie haben Rechte.» Was es als konkrete Schritte brauche: barrierefreie Gestaltung im öffentlichen Raum, bessere Vernetzung über Schulen, Gemeinden und Sportgruppen. «Inklusion beginnt jedoch im Kleinen. Jeder kann etwas beitragen. So wie wir uns hier auf Augenhöhe begegnen, wünsche ich es mir in der ganzen Bevölkerung.»
Nach dem Training stehen mehrere Teilnehmende noch lange zusammen, lachen und diskutieren. «Hier ist jeder dabei, keiner ein Aussenseiter. Das ist für mich Fairplay», meint Willi Kuhlbörsch. Auch ausserhalb dieses Trainings wird Gemeinschaft gelebt: Bowling-Abende, gemeinsame Ferien. Nach der Insel Rügen letztes Jahr soll es nun nach Mallorca gehen. «Die Wünsche des Teams stehen auch hier immer im Vordergrund.»