«Man muss das Unmögliche denken»

«Man muss das Unmögliche denken»
Auch das Unwetter im Kemmeriboden 2022 war ein Fall für den Krisenstab. / Bild: Bruno Zürcher (zue)
Emmental: Peter Mathys, langjähriger Chef im Krisenstab Emmental, hat sein Amt an den Nachfolger Simon Wüthrich übergeben. Er blickt auf eine herausfordernde Zeit zurück.

15 Jahre lang prägte Peter Mathys den Krisenstab im Emmental als Chef. In seine Amtszeit fielen verschiedene Unwetter und die Pandemie, nun tritt der 69-Jährige Ende Jahr zurück. «Vor Jahren haben wir in Eggiwil ein extremes Hochwasser durchgespielt», erinnert sich Peter Mathys. «Wegen der Dimension wurde ich während der Übung teilweise belächelt.» Als das Ereignis dann tatsächlich eintrat, lag der Wasserstand noch höher als angenommen. Für Mathys ist das die wichtigste Lektion aus insgesamt 26 Jahren im Bevölkerungsschutz: «Man muss das Unmögliche denken. Es kann ganz anders kommen, als man glaubt.» Ende Jahr gab der Huttwiler die Leitung des Verwaltungskreis-Führungsorgans Emmental, kurz VKFO, ab. Während 15 Jahren war er als Chef für die Koordination bei Grossereignissen im gesamten Emmental zu­ständig - sei es bei drohendem Hochwasser oder während der Pandemie.


Herausfordernde Kommunikation

«Das VKFO sorgt für Überblick und unterstützt die Einsatzkräfte vor Ort», erklärt Mathys. Er führte das vierköpfige Kernteam, dessen Chefin Regierungsstatthalterin Alexandra Grossenbacher ist. Das VKFO sei keine Ersteinsatzorganisation. «Feuerwehr, Polizei und Zivilschutz handeln sofort. Wir kommen zum Einsatz, wenn mehrere Gemeinden betroffen sind und koordiniert werden müssen.» Besonders anspruchsvoll werde es, wenn mehrere regionale Führungsorgane gleichzeitig im Einsatz stünden. «Dann braucht es das VKFO, das sicherstellt, dass alle effektiv zusammenarbeiten.» Ebenso wichtig sei je nach Situation die Kommunikation mit dem kantonalen Führungsorgan, das bei Katastrophen oder Notlagen die Gesamtleitung übernehme.


Zwei Wochen Ausnahmezustand

Die grösste Herausforderung beginne häufig erst, wenn das eigentliche Ereignis vorbei sei, sagt Mathys. «Die Blaulichtorganisationen laufen meist von selbst.» Danach stellten sich jedoch zahlreiche praktische Fragen: Braucht es einen Helikopterflug? Ist das Trinkwasser noch sauber? Wo steht eine Ersatzbrücke? Wer bezahlt was - und wo sollen freiwillige Helfer eingesetzt werden? Besonders in Erinnerung geblieben ist Mathys das Unwetter im Juli 2014, welches das obere Emmental schwer traf. Eine Woche später folgten Sumiswald und Rüegsau. «Wir waren fast zwei Wochen im Dauereinsatz.» Die Grösse der Ereignisse, die Unübersichtlichkeit und die bange Frage nach möglichen Opfern machten diese Zeit aussergewöhnlich. Das Ereignis gehöre seither fest zur Ausbildung der beteiligten Organisationen. Nicht nur Naturereignisse forderten den Krisenstab. Während Corona war das VKFO grösstenteils telefonisch im Einsatz. «Das Gesundheitswesen war stark gefordert und suchte dringend Personal», so Mathys. Rapporte hätten im Freien und mit Abstand stattgefunden.


Menschen reagieren unterschiedlich

Aus all den Einsätzen haben auch die Reaktionen der Menschen bei Peter Mathys Eindrücke hinterlassen. «Es gab Leute, die in stoischer Ruhe alles hinnahmen. Und andere, die nach zwölf Stunden ohne gereinigten Vorplatz sämtliche Einsatzkräfte ins Pfefferland wünschten.» Die Arbeit selbst habe sich stark verändert. «Beim Sturm Lothar 1999 sass ich bei meinem ersten Einsatz bei Kerzenlicht im Restaurant Kreuz in Weier - ohne Strom. 2022 wurde Schangnau erneut von einem schweren Unwetter getroffen. Da sah ich vor dem Ausrücken bereits auf den sozialen Medien, was vor Ort passiert war.»


«Kompetente Köpfe kennen» 

Sein persönliches Credo fasst Mathys so zusammen: «KKKK - in Krisen Köpfe kennen, die kompetent sind.» All die entscheidenden Kontakte müssten bekannt sein, denn es nütze nichts, wenn während des Ereignisses nach Möglichkeiten gesucht werden müsse. Als Beispiel nennt er Trinkwasserlieferungen für Mensch und Tier: «Wir müssen rasch wissen, wer die Kapazität für den Transport hat». Nach insgesamt 26 Jahren sei es Zeit, das Amt abzugeben. Nachfolger Simon Wüthrich ist seit 2015 Stabschef. Als Chef Instandhaltung der Luftwaffe amtet er zudem als Oberst in Milizfunktion. «Es war ein Glückstreffer, dass er zugesagt hat», schliesst Mathys.

15.01.2026 :: Remo Reist (rrz)