Aron Fahrni will «gemeiner» fahren

Aron Fahrni will «gemeiner» fahren
Aron Fahrni geht optimistisch in die nächsten Rennen. / Bild: Swiss Paralympic
Parasnowboard: In zwei Monaten steigen die Rennen an den Paralympics in Milano Cortina. Aron Fahrni will dort grosse Ziele verfolgen - auf und neben der Piste.

Aktuell ist Aron Fahrni an der Lenk, wo er nochmal eine Trainingswoche bestreitet. Dann stehen die intensiv­sten Wochen der Saison bevor. Innert drei Wochen macht der Weltcup halt in Österreich, der Schweiz, Kanada und den USA. Auf eine weitere Trainingswoche in der Schweiz Ende Februar folgt dann noch eine Übergangswoche mit Kleiderabgabe, Medien­terminen und anderen Verpflichtungen, bevor die Parasnowboarder am 7. März in Cortina ihren ersten Wettkampf der Paralympischen Winterspiele bestreiten. Zuerst findet das Snowboardcross-Rennen statt, eine Woche später der Banked Slalom - in diesem fahren die Athleten einen Kurs mit steilen Kurven alleine gegen die Zeit. Als Medaillenkandidat in beiden Disziplinen dürfte Fahrni im Februar definitiv selektioniert werden. Wie schon beim Weltcupauftakt im niederländischen Landgraaf kommen Fahrnis stärkste Konkurrenten aus China. «Mit meinen Leistungen und den Plätzen 6 und 3 bin ich zufrieden», sagt der 27-jährige Oberthaler. Wobei er am ersten Tag etwas «zu schön» gefahren sei. «Am zweiten Tag fuhr ich dann etwas weniger schön, dafür aggressiver - also mehr meinem Stil entsprechend und weniger, wie es den Trainern gefällt», meint Fahrni mit einem Lachen.


Auf und Ab in der Vorbereitung

An der Vorbereitung hat Aron Fahrni nichts geändert, bloss weil es eine olympische Saison ist. «Gewisse Dinge unterscheiden sich von Jahr zu Jahr, aber es hat bis jetzt meist gut funktioniert, weshalb sollte ich also grundlegend etwas ändern», so Fahrnis Überlegung. Einen guten Teil des Sommertrainings hat er in Magglingen absolviert. «Seit Anfang September sind wir auf den Schnee. Wir haben viel in Saas-Fee trainiert, zudem waren wir eine Woche in St. Moritz.» Sehr positiv sei gewesen, dass die Parasnowboarder meist mit den Athleten von Swiss Snowboard trainiert hätten. Auch das Sportpanorama zeigte in einem Beitrag, wie die beiden Teams von der zusätzlichen Konkurrenz in den Heats sowie dem gemeinsamen Austausch profitieren. Gerade die Woche in St. Moritz sei wegen des guten Wetters sehr wertvoll gewesen, sagt Aron Fahrni. «Ein weiteres Highlight war, dass in Saas-Fee extra ein Banked Slalom gebaut wurde, auf dem wir trainieren konnten.» Das sei ansonsten kaum möglich. Weil in dieser Disziplin bisher keine FIS-Rennen von Athleten ohne Behinderung ausgetragen werden, gibt es auch kaum Kurse, um zu trainieren. «So hatten wir die Möglichkeit und die Zeit, Dinge auszuprobieren, wie zum Beispiel anderes Material», freut sich der Oberthaler. Ganz optimal verlief die Vorbereitung dennoch nicht. «Während der Trainingswoche in Österreich war das Wetter schlecht, weshalb Sprungtraining kaum möglich war.» Auch in Saas-Fee sei das Skigebiet einmal sechs Tage in Folge wegen zu starkem Wind geschlossen gewesen. Zudem hatte Aron Fahrni immer wieder mit Rückenproblemen zu kämpfen - ausgelöst durch einen Sturz in der Vorsaison, bei dem es ihm eine Diskusscheibe rausgedrückt hatte. «Anfang Saison hatte ich immer wieder Schmerzen und war gehemmt», berichtet er. «Beim Schliessen der Bindung war es aber schlimmer als beim Fahren auf der Strecke.» Nach intensiver Physiotherapie und einer Behandlung mit Elektroimpulsen habe er die Probleme jetzt aber im Griff und sei wieder voll fit.


Mix aus Risiko und Sicherheit

Fahrnis Ziel für die Paralympics lautet wie folgt: «Ich will das abrufen, was ich kann, und einen guten Mix zwischen Risiko und Sicherheit finden.» Dies sei oft nicht einfach. «Ausserdem muss ich gemeiner fahren.» Oftmals sei er zu nett und lasse seinen Gegnern zu viel Platz - im Training wie auch im Wettkampf. Ein konkretes Rangziel setze er sich nicht. «Es ist vieles möglich und das Rennen ist bloss eine Momentaufnahme. Gerade im Snowboardcross spielen auch viele externe Faktoren eine Rolle.» Läuft es gut, liege auch eine Medaille drin, ist sich der Vizeweltmeister der Vorsaison bewusst. Ausserdem hoffe er, dass sich das Team während der Wettkämpfe auf das Wesentliche konzentrieren könne und sich nicht durch den Rummel rund um die Olympischen und Paralympischen Spiele beeinflussen lasse. «Man merkt, dass es eine aussergewöhnliche Saison ist», sagt Fahrni. «Die Aufmerksamkeit ist grösser und die Medientermine werden mehr.»


So professionell wie möglich

Für Aron Fahrni geht es bei den Paralympischen Spielen aber nicht nur um den eigenen Erfolg; er will auch seine Sportart gut repräsentieren und voranbringen. «Wir betreiben Spitzensport und ich möchte, dass es auch als solcher wahrgenommen wird.» Er selber könne dafür primär zwei Dinge tun: so professionell wie möglich sein und in seiner Funktion als Athletenvertreter Einfluss nehmen. Fahrni ist bei der FIS das Sprachrohr der Para-snowboard-Athleten. Zweimal pro Jahr nimmt er dafür an mehrtägigen Treffen sowie an zusätzlichen Online-Meetings teil. «Meine Aufgabe ist es unter anderem, die Meinung der Athleten zu gewissen Themen einzuholen.» Letztens sei es darum gegangen, ob russische und belarussische Athleten wieder an Wettkämpfen teilnehmen dürfen. Die Meinungen gehen auseinander - vorläufig bleiben sie aber ausgeschlossen. Auch über den Sport hinaus versucht Aron Fahrni, die Gesellschaft zum Nachdenken anzuregen und auf gewisse Themen aufmerksam zu machen. Beispielsweise darauf, dass viele Gebäude nicht rollstuhlgängig gebaut sind. «Es geht dabei nicht nur um Menschen mit Behinderung, sondern auch um ältere sowie zwischenzeitlich eingeschränkte Menschen.» Ausserdem wünscht sich der Spitzensportler ein Umdenken in der Gesellschaft, wie mit Rückschlägen umgegangen wird. Im Alter von sechs Jahren wurden bei einem Skilift-Unfall die Nerven in Aron Fahrnis linkem Arm durchtrennt. «Ich ziehe aber nicht nur schlechtes aus dem Unfall. Ich bin zwar körperlich eingeschränkt, für den Charakter und mich als Person war es aber eine super Schulung.» Solche Themen würden aber oft noch wenig verstanden. «Ich habe gelernt, dass ich an Schwierigkeiten lernen und wachsen kann. Diese Botschaft möchte ich an möglichst viele Menschen weitergeben und nutze dafür die Plattformen, die ich als Sportler erhalte.» Eine paralympische Medaille wäre der Mission mit Sicherheit förderlich.

08.01.2026 :: Micha Strohl (msz)