Den Krebs und andere Hürden überwinden

Den Krebs und andere Hürden überwinden
Annemarie Gerber schildert ihre Krebserkrankung in einem kunstvoll illustrierten Buch. / Bild: zvg
Langnau: Annemarie Gerber wurde völlig unerwartet mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert. In ihrem kürzlich erschienenen Buch schreibt sie über ihr Leben mit und nach dem Krebs.

«Alles begann mit einem Sturz auf der Kellertreppe», erzählt Annemarie Gerber in ihrem Zuhause am Küchentisch. Im Hintergrund wuseln ihre beiden Hunde, die für sie so wichtig sind. Nach dem Sturz bemerkte Gerber, dass ihre rechte Brust pochte und pumpte und schlagartig blau anlief. «Ich realisierte sofort, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.» Noch am selben Tag stellte ihr Gynäkologe fest, dass sie verschiedene Tumore in der Brust hat und möglichst rasch operiert werden muss. Noch bevor Gerber die definitive Diagnose erhielt, war für sie klar, dass sie gegen die Krankheit ankämpfen will. «Ich sprach immer wieder mit dem Krebs», erinnert sie sich. «Du hast mich zwar gefunden, aber du darfst nicht bleiben.»


Fehlende Unterstützung

Eindrücklich, aber auch bedrückend, berichtet sie über ihren ersten Gedanken nach der Diagnose: «Wie wird das mein Chef aufnehmen. Nicht etwa, wie sage ich es meinen Kindern, oder was, wenn ich sterbe.» Im Verlauf ihrer Erkrankung muss sie erleben, dass sie seitens Arbeitgeber weder Verständnis noch Mitgefühl erfährt. Sie fühlte sich, wie sie in ihrem Buch schreibt, nicht wie eine Frau mit einer lebensverändernden Diagnose, sondern wie eine Störung im Betriebs­ablauf. Auch im weiteren Verlauf
ihrer Krankheit vermisst sie schmerzlich Unterstützung. Bisher war sie es, die immer für ihren Mann da gewesen ist. Dieser wurde vor gut neun Jahren als zufälliges Opfer von einer Rockerbande derart zusammengeschlagen, dass er heute unter Dauerkopfschmer­zen, einer enormen Müdigkeit und an den psychischen Folgen des traumatischen Ereignisses leidet. Nun hätte Annemarie Gerber aber selber dringend Hilfe benötigt. «Doch es fehlten Informationen, ich wurde falsch be­raten und am Ende mussten wir die dringend benötigte Haushaltshilfe selber bezahlen.» Einzig bei der Krebsliga fand sie Unterstützung. «Und bei meinem Mann und meinen beiden Kindern, die immer zu mir hielten.»


Der Schatten blieb

Nach der ersten Operation wurde ein zweiter Eingriff nötig. «Diese Worte des Arztes fielen wie ein Stein ins Wasser. Kein Aufprall, kein Knall. Nur dieses langsame Sinken. Und dann die Wellen. Innen drin.» Danach musste sich Gerber einer schmerzhaften Bestrahlung unterziehen: «Es war, als würde mein Krebs aus mir herausgetrieben – aber sein Schatten blieb.»

Nach der überstandenen Bestrahlung glaubte Gerber, dass damit nun alles vorbei sei. «Aber weit gefehlt», erzählt sie, «der Körper heilte zwar langsam – die Seele noch etwas langsamer. Aber da blieb eine lähmende, unerklärliche, allumfassende Müdigkeit.» Wenn sie versuchte, über ihre Fatigue zu sprechen, reagierten die meisten hilflos. Niemand verstand, dass sie «in einer Art Trägheit gefangen war, die nichts mit Faulheit zu tun hatte». Mein Körper schrie nicht nach Ruhe, sondern nach Energie, die ich nicht hatte», schildert sie. Und langsam habe sie begriffen, dass diese Müdigkeit nicht ihr Feind sei, sondern eine Einladung zum Stillsein und zur Selbstfürsorge.


Krebs ist nicht ansteckend

Heute betrachtet Gerber sich als gesund. Sie habe gelernt, dem eigenen Körper besser zuzuhören. Waldspaziergänge mit ihren Hunden, die Natur riechen und sich an einer Blume erfreuen, gäben ihr Kraft. Von Nichtbetroffenen wünscht sie sich mehr Verständnis und Offenheit: «Krebs ist eine langandauernde Krankheit, die einem physisch und psychisch belastet. Er ist aber nicht ansteckend!» Ihr eindrückliches, kunstvoll illustriertes Buch soll hierzu Aufklärung bieten und für Verständnis werben. Neben den persönlich verfassten Kurztexten sind immer wieder fachliche, aber leicht lesbare Erläuterungen zum Thema Krebs eingefügt.

08.01.2026 :: Beatrice Keck (keb)