Isabel Knauthe kümmert sich bestens um die Spieler der SCL Tigers - hier um Goalie Luca Boltshauser. / Bild: Remo Reist (rrz)
SCL Tigers: Isabel Knauthe kam vor dreieinhalb Jahren zu den SCL Tigers. Die Physiotherapeutin kümmert sich um die Gesundheit der Spieler - und wurde plötzlich selbst zur Patientin.
Die Verletztenliste der SCL Tigers ist leer. «Aktuell fällt kein einziger Spieler aus; das ist Gold wert», sagt Isabel Knauthe, Physiotherapeutin der ersten Mannschaft. Mit ihrer Anstellung im Sommer 2022 hat Sportchef Pascal Müller die Stelle Medical Coordinator geschaffen. «Er sprach sich für diese neue Schnittstellen-Funktion aus». Dank der professionellen Dokumentation haben alle Beteiligten - von den Ärzten über die Trainer bis zum Sportchef - jederzeit Einsicht in den aktuellen Gesundheitszustand jedes Spielers.
Präventivarbeit beginnt im Sommer
Auf der Behandlungsbank liegt an diesem Tag rein präventiv Luca Boltshauser. Der Torhüter weiss, wie wichtig Isabel Knauthes Arbeit ist. Sie sei stressresistent und bleibe bei all den Problemchen jedes einzelnen Spielers ruhig, sagt er. «Ein Physio muss die Mechanik des Sports auf dem Eis verstehen, und das beherrscht sie ausgezeichnet, nebst ihrer Art, mit der sie einfach gut ankommt.» Die leere Verletztenliste hat auch mit der präventiven Arbeit zu tun. «Die Spieler werden muskulär top auf die Saison vorbereitet. Das Sommertraining ist extrem wichtig», erklärt Knauthe. Bis letzte Saison habe man im Medical-Bereich 170 Stellenprozente gehabt. «Auf diese Saison hin kam eine 40-Prozent-Stelle im Physio-Bereich hinzu.» Nicht alle Verletzungen liessen sich verhindern, sagt Knauthe: «Wenn eine Rippe und ein Fuss bricht, dann lässt sich das kaum vermeiden. Was man aber verhindern kann, sind Muskelverletzungen, Adduktorenprobleme vom Skaten auf dem Eis oder die verbreitete Hüft-Problematik.» Durch Pech ausgefallen sind in den letzten Playoffs zuerst Stephan Charlin und dann Luca Boltshauser. «Boltsi, wie wir ihn nennen, erlitt damals eine Knieverletzung, darum hat er das Sommertraining zuerst mit mir eins zu eins gemacht, weil wir das Problem zuerst vollständig behandeln wollten», erzählt sie.
Mehrere Monate ausgefallen
Pech hatte auch Isabel Knauthe selbst. Ab September 2024 fiel sie monatelang aus. «Ich hatte quasi aus dem Nichts eine progrediente Querschnittsymptomatik. Es war furchtbar, ganz besonders die ersten Tage im Spital bei vollem Bewusstsein», erzählt sie. Ein nicht erkannter Bandscheibenvorfall im Bereich der Brustwirbelsäule habe dazu geführt. «Als die Symptome eintraten, war es eigentlich schon zu spät. Es folgte eine Not-Operation, danach war ich drei Wochen im Spital und sieben Wochen in der Reha. Ich musste wieder gehen lernen.» Plötzlich stand die Therapeutin auf der anderen Seite. «Ich war nach einer gewissen Zeit jeden Tag hier im Stadion zum Trainieren, obwohl ich voll arbeitsunfähig war», berichtet sie. Die Spieler hätten sie fast behandelt, als wäre sie eine von ihnen. «Ich war nicht mehr auf der Seite der Betreuenden.» Die SCL Tigers hielten den Platz frei - «dafür bin ich sehr dankbar», betont Knauthe. Diesen Frühling begann sie mit 40 Prozent, seit August arbeitet sie wieder zu 100 Prozent. «Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Noch heute merke ich bei jedem Schritt, dass es mir nicht perfekt geht, auch wenn man es mir nicht ansieht. Der Oberkörper funktioniert aber gut.» Diese Erfahrung habe sie verändert: «Ich habe heute mehr Mitgefühl, wenn einer lange verletzt ist, weil ich auch einmal auf der anderen Seite stand.» Doch Jammern sei nicht ihre Art, das würde ihr ganzes Umfeld bestätigen, sagt sie. «Ich habe mein Schicksal akzeptiert und war jeden Tag bereit zu kämpfen und hart daran zu arbeiten, dass es wieder besser wird.»
Vom Einzelsport zum Teamgefühl
Diesen Biss und Durchhaltewillen verdankt Isabel Knauthe früheren Stationen: Zehn Jahre lang, bis 2010, arbeitete sie bei Swiss Ski mit den Langläufern; zur Zeit von Dario Cologna, als dieser Olympiasieger wurde. Danach bildete sich 2011 in Russland eine neue Trainingsgruppe abseits der Nationalmannschaft mit den Spitzenläufern Alexander Legkov und Ilia Chernousov. Knauthe wurde Teil des Teams. Das Plus der im Osten Deutschlands aufgewachsenen Therapeutin war, dass sie in der Schule Russisch gelernt hatte. Die Zusammenarbeit mit dem russischen Verband dauerte bis 2016. «Für die Athleten ist es natürlich jammerschade, dass sie von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen sind.» Vom Langlauf wechselte sie zum HC Davos, wo sie die Junioren betreute. Zu Zeiten von Arno del Curto habe sie auch ein Angebot als Physiotherapeutin rein für die erste Mannschaft erhalten. «Aber das kam für mich nicht in Frage, ich brauche die Abwechslung.» Dann bot sich dank des guten Kontakts mit dem damaligen Athletiktrainer Nik Hess die Chance in Langnau. Die Zeit mit den Langläufern war schön, aber die Emotionen im Mannschaftssport sind schon ganz etwas anderes», sagt Knauthe über den Wechsel vom Einzel- zum Teamsport. Wenn die SCL Tigers gewinnen, die Spieler in die Garderobe kommen, dort eine ausgelassene Stimmung herrscht und gute Musik läuft, «dann sind alle happy. Diese Momente muss man aufnehmen.»
«Es ist mir sehr wohl im Emmental»
Isabel Knauthe ist bei den SCL Tigers längst angekommen. «Ich möchte nichts ändern, es gibt keine grösseren Ziele als die SCL Tigers», sagt sie. Sie war bei vier Olympischen Spielen dabei und bei acht Weltmeisterschaften. «Obenraus habe ich alles gesehen. Ich muss nicht mehr reisen und fühle mich wohl im Emmental. Die Leute sind nett und bodenständig, fleissig, es sind gute Menschen.» Luca Boltshauser hat die Behandlungsbank verlassen. Der nächste Spieler wartet bereits in der Garderobe. Die Dienste von Isabel Knauthe sind also gefragt - damit Thierry Paterlini und sein Staff auch 2026 aus dem Vollen schöpfen und eine weitere Playoff-Teilnahme anvisieren können.