Dank des Denkmals gerät Christian Wiedmer nicht vollends in Vergessenheit. Sein Gedicht «Niene geit’s so schön u luschtig, wie bi üs im Ämmitau» wird die Zeit überdauern. / Bild: Max Sterchi (mss)
«In Stein gemeisselt» (2/5): Sie stehen an verschiedenen Orten, in unterschiedlichen Grössen und haben eines gemeinsam: Sie erinnern an das Leben eines bedeutenden Menschen.
Seit dem Jahr 1909 steht er in Signau, seit einem Jahr beim Aufgang zur Kirche, an einem Ort, wo er auffällt, wo er seinem Zweck gerecht wird. Es ist der Gedenkstein für den Signauer Schlosser, Redaktor und Volksdichter Christian Wiedmer (1808 - 1857). Sicher kennen ihn nicht mehr viele Leserinnen und Leser, er ist in Vergessenheit geraten. Aber jede und jeder kennt die Emmentaler Hymne «Niene geit´s so schön u luschtig, wie bi üs im Ämmitau», deren Text Christian Wiedmer im Jahr 1847 im «Wochenblatt des Emmenthals» publiziert hatte.
Wer war Christian Wiedmer?
Schon während seiner Lehre als Schlosser soll Wiedmer satirische Gedichte geschrieben haben. Er interessierte sich für Politik; er zählte sich zu den fortschrittsgläubigen Liberalen. In einem Gedicht, das im Dorfblatt von Langnau publiziert wurde, kritisierte er die zwiespältige Haltung der Berner Regierung gegenüber den Freischaren. Der Verleger Friedrich Wyss aus Langnau bat ihn daraufhin um weitere poetische Beiträge. Im Jahr 1847 übernahm Wiedmer die Redaktion des Dorfblattes. Er war einer, der in der damaligen politisch aufgewühlten Zeit zu seiner liberalen Haltung stand. So legte er sich unter anderem mit Jeremias Gotthelf an, den er als «stadtburgerlichen Jesuiten und weltbekannten Zotenreisser» bezeichnete. Als der konservative Metzgermeister Richard Stoos in den Regierungsrat gewählt wurde, schrieb er: «Der schwarzen Herde starrer Sinn, lenkte sich zum Schlächter hin. Haben nun, wie oft im Leben, selbsten sich den Stoos gegeben. Denn die grössten aller Kälber, wählten ihren Metzger selber». Dafür wurde er allerdings vom Obergericht zu einer Busse und vier Tagen Gefängnis verurteilt. Am Tag der Freilassung empfing ihn eine grosse Menschenmenge, die Dorfmusik von Langnau spielte und in Signau gab es ein grosses Dorffest. 1851 lud er zu einer Volksversammlung gegen die konservative Regierung nach Langnau ein; es nahmen rund 5000 Personen teil. Im gleichen Jahr wurde das Dorfblatt zum «Emmenthaler Wochenblatt» und vier Jahre später zum «Emmenthaler Blatt».
Ein Findling wird zum Brunnen
«Gedenksteine wie derjenige für Christian Wiedmer sind etwas aus der Mode gekommen; heute werden zum Gedenken öfters Skulpturen geschaffen», sagt Steinbildhauerin Lilian H. Zürcher, Co-Präsidentin des Verbandes Schweizer Bildhauer und Steinmetze. «Geblieben ist der Grabstein, auch er ist ein Gedenkstein, allerdings auf eine kürzere Zeitspanne ausgerichtet. Stein ist ein Symbol für Langlebigkeit, für etwas, das die Zeit überdauert. Oftmals wandle ich alte Grabsteine in kleine Skulpturen um, die in ihrer neuen Form im privaten Raum an die früher Verstorbenen erinnern», berichtet sie. Eine Skulptur in Form eines Brunnens und mit zusätzlichen Stelen aus Gotthardgranit hat Lilian H. Zürcher vor einiger Zeit für den Karl-Schenk-Gedenkplatz in Signau gemeisselt. Für diese Arbeit hat sie sich stark mit der Person Schenk auseinandergesetzt, hat sich mit seinen privaten Vorlieben, mit seinen politischen Schwerpunkten und seinem Flair für Bildung und Kunst beschäftigt. Und warum Gotthardgranit? «Schenk hatte sich als Bundesrat massgeblich für den Bau des Gotthard-Eisenbahntunnels eingesetzt. Zudem besteht sein Grabstein auch aus Gotthardgranit», weiss Zürcher. Den Findling für den Brunnen hat sie eigens im Steinbruch Güetli in Gurtnellen ausgesucht und in ihr Atelier in Schüpbach transportieren lassen.
Denkmal zum 100. Geburtstag
Am 4. November 1857 starb Wiedmer 49-jährig. Als Dank für seine Verdienste widmete ihm die Langnauer Druckerei zum 100. Geburtstag einen Gedenkstein in Signau. Aus dem Gemeinderatsprotokoll vom 3. Mai 1909 geht hervor, dass Gemeindepräsident Kunz beauftragt wurde, das Denkmal am 16. Mai «in Mosimanns Garten» in Empfang zu nehmen. Es handelte sich um den Garten der Liegenschaft Schulhausstrasse 3, die damals dem Bundesbeamten Hans Mosimann gehörte. Warum das Denkmal genau dort stehen sollte, ist nicht bekannt. Das weiss wohl nur der Stein.