Weniger Karies, aber mehr Bürokratie

Weniger Karies, aber mehr Bürokratie
Markus Grassi (rechts) und Dominik Hofer arbeiteten zusammen. / Bild: Jael Heim
Langnau: Nach 43 Jahren Berufstätigkeit - 37 davon mit eigener Praxis - ist der Zahnarzt Markus Grassi in den Ruhestand getreten. Den Kontakt zu den Patienten wird er vermissen.

«Wenn es nur die praktische Arbeit wäre und die Gesundheit es zulassen würde, könnte ich mein Leben lang weiterarbeiten.» Wie viel Markus Grassi an seiner Arbeit liegt, ist im Gespräch kaum zu überhören. Seit 43 Jahren ist der 69-Jährige in der Zahnmedizin tätig, verleidet ist es ihm in all den Jahren nie - auch wenn Zahnarzt nicht von Anfang an sein Traumberuf war. Als die Berufsberatung dem Gymnasium Burgdorf einen Besuch abstattete, befand diese, dass Grassi, der eigentlich Chemie studieren wollte, eher der manuelle Typ sei. So kam er zur Zahnmedizin - und fand insbesondere am Kontakt mit den Menschen Gefallen.


Rückkehr aus den USA

Nach dem Studium sammelte Grassi als Assistenzzahnarzt in Signau, an den Zahnmedizinischen Kliniken der Uni Bern und in den USA erste Erfahrungen im Beruf. Ein Assistenzjahr in den Vereinigten Staaten war damals eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Ein Professor der Uni Bern konnte jedoch über einen amerikanischen Kollegen eine Arbeitserlaubnis für Grassi organisieren. Nach einem Jahr und dem Angebot einer Festanstellung durch den obersten Chef der University of California entschieden sich Grassi und seine Frau dennoch für eine Rückkehr in die Schweiz - für ihre vier Kinder sei dies der bessere Ort zum Aufwachsen gewesen, meint er.


Gründung einer Gemeinschaftspraxis

Mit mehreren Jahren Berufserfahrung in der Tasche eröffnete Grassi 1988 an der Oberstrasse in Langnau seine eigene Zahnarztpraxis. Die unternehmerische Freiheit habe ihn gereizt. Er erkundigte sich nach der Versorgungslage und folgte schliesslich dem Rat ortsansässiger Kollegen, sich in Langnau niederzulassen. Dort führte Markus Grassi fortan seine eigene Praxis - zunächst mithilfe von Dentalhygienikerinnen, später mit Assistenzzahnärzten. Einer blieb - bis heute. Gemeinsam mit Dominik Hofer entschied sich Grassi für eine Gemeinschaftspraxis. «Wenn einer in den Ferien ist, ist der andere da. Unsere Patienten, die gemeinsame Kunden sind, müssen sich nie Sorgen machen», weiss Grassi die Zusammenarbeit zu schätzen. Zudem seien Einzelpraxen ein Auslaufmodell. «Heute wollen junge Leute das finanzielle Risiko, das die Selbstständigkeit mit sich bringt, nicht mehr eingehen», erklärt sich Grassi die Entwicklung. Verändert hätten sich im Laufe der Zeit auch Praxis und Theorie. «Zu meinen Studien- und Assistenzzeiten habe ich Löcher noch mit Amalgam gefüllt. Heute wird dafür Kunststoff verwendet. Mit speziellen Lichtlampen geht der ganze Prozess nun viel schneller.» Zudem hätten die Leute immer weniger Karies, insbesondere junge. Dank gesteigertem Bewusstsein, verbesserter Hygiene und Ernährung sei Milchzahnkaries heute eine Seltenheit. Weniger zu schätzen weiss Grassi hingegen die zunehmende Bürokratisierung. Man müsse immer mehr Papier produzieren, mit den Ergänzungsleistungen nehme auch die administrative Arbeit stetig zu. Im Gegensatz zum täglichen Kontakt mit seinen Patienten werde er dies definitiv nicht vermissen. Es ist denn auch «die Treue der Kunden», die Grassi über all die Jahre am meisten Freude bereitet hat. Zwischen Zahnarzt und Patient entstehe eine zwischenmenschliche Beziehung. «Der Kunde ist kein Objekt mit einem kaputten Zahn, den ich jetzt flicke.» Ein ehrlicher Austausch sei ihm daher besonders wichtig. «Wenn jemand im Zähneputzen 4. Liga ist, sage ich das. Gemeinsam besprechen wir, welche Lösung die beste ist.» Es sei grundlegend für jeden Zahnarzt, gerne mit Menschen umzugehen.


Arbeit und Freizeit klar getrennt

«Sehr viele Ferientage» seien sein Ausgleich zur intensiven Arbeit gewesen, sagt er. Seit seinem 50. Geburtstag nimmt er sich jährlich zwölf Wochen Ferien. Im Sommer verbringt er praktisch jedes Wochenende am Neuenburgersee, wo er ein Ferienhaus und ein Segelschiff besitzt. Zudem sei es ihm über all die Jahre gelungen, Arbeit und Privatleben strikt zu trennen. «Ich habe nie auch nur ein kleines Couvert von der Praxis mit nach Hause genommen. Wenn ich zur Praxistür rausging, kamen Freizeit und Familie.» Er habe immer so viel Nichtpatientenzeit eingeplant, dass «der administrative Kram» jeweils nebenher erledigt werden konnte. Dennoch muss Grassi nicht lange überlegen, worauf er sich in seiner Pension am meisten freut: «Dann genau das machen zu können, wenn perfekte Bedingungen dafür sind.» In den letzten gut 40 Jahren hat der passionierte Segler und Skifahrer unzählige Male bei schönstem Sonnenschein seine Patienten behandelt und bei Regen am Wochenende zu Hause auf dem Sofa gesessen. Zudem wolle er sich in die Medizingeschichte einlesen. Vollständig in Pension gehen wird Grassi jedoch noch nicht. Seinem Nachfolger, James Imhof, werde er in dessen Anfangszeit «mit Rat, und vielleicht auch teilweise mit Tat» zur Seite stehen.

31.12.2025 :: Jael Heim