Sie hatte Glück und leitet ihren Hof

Sie hatte Glück und leitet ihren Hof
Rahel Joss ist seit acht Jahren Chefin des Gysihofs. Als Betriebsleiterin ist sie eine Ausnahme. / Bild: Sandra Joder (sjw)
Gysenstein: Schon früh wusste Rahel Joss, dass sie Landwirtin werden will. Heute leitet sie den Gysihof in Gysenstein. Nur gut sieben Prozent der Schweizer Höfe werden von Frauen geführt.

Die 36-jährige Rahel Joss ist die Chefin auf dem Hof. Als Betriebsleiterin führt sie den Gysihof seit acht Jahren. Dass sie heute die Verantwortung trägt, ist dennoch nicht für alle selbstverständlich. Bis heute fragen Besuchende gelegentlich nach «dem Chef». Stehen Rahel Joss und ihr Vater beieinander, wird oft selbstverständlich angenommen, er leite den Betrieb. Dabei war ihr beruflicher Weg früh klar: Schon seit der Schulzeit stand für sie fest, dass sie Landwirtin werden will. «Eine Leidenschaft zu entdecken und sie leben zu können, ist ein Geschenk», sagt sie rückblickend. Nach der landwirtschaftlichen Ausbildung sammelte sie Erfahrungen auf Betrieben im In- und Ausland, studierte Agronomie, arbeitete bei Swissgenetics - und übernahm mit 28 Jahren den elterlichen Hof. Ihr ist bewusst, dass ihr Einstieg in die Betriebsleitung ausserhalb des familiären Umfelds als Frau deutlich schwieriger gewesen wäre. «Ich habe Glück gehabt», sagt sie. Glück, dass ihre beiden Brüder nicht an der Betriebsführung interessiert gewesen seien und ihre Eltern sie stets unterstützt hätten.


Gesund bleiben ist wichtig

Nach und nach hat Joss den Betrieb in den letzten Jahren auf einen Vollweidebetrieb umgestellt. Bald beginnt die Abkalbesaison. Alle Kälber der rund 45 Kühe kommen im Frühling auf die Welt. Mit dem Weidesystem ergebe sich ein Betriebskonzept, das für sie stimmig sei, sagt Joss. Dieses Konzept führe zu einer Arbeitserleichterung. Vielleicht sei das auch geschlechterbedingt so, meint sie. Wobei sie sich sehr bewusst sei, dass nur ein gesunder Betrieb und gesunde Betriebsleitende langfristig bestehen könnten. «Gesund zu bleiben, ist im Beruf für Männer ebenso wichtig», betont sie. Technische Hilfsmittel, welche die körperliche Arbeit er-leichtern, leisten dazu einen wesent­lichen Beitrag. Auch regelmässige Auszeiten gehören dazu. So besucht Rahel Joss wöchentlich ein Fitnesstraining, auch um körperlich belastbar zu bleiben. Joss bewirtschaftet den Gysihof nach biodynamischen Richtlinien. Die Milchwirtschaft ist dabei der bedeutendste Betriebszweig. Die Landwirtin steht begeistert in ihrer Kuhherde und zeigt die verschiedenen Rassen: Kiwi-Cross-Kühe, Simmentaler, Swissfleckvieh und norwegische Rotbunte. Die Milch wird jeden zweiten Tag in die Käserei nach Gohl geliefert. Neben Urdinkel wachsen Weihnachtsbäume auf dem Betrieb, die grösstenteils ab Hof verkauft werden. Rahel Joss hat den Gysihof nach ihren Vorstellungen weiterentwickelt und trägt die Verantwortung für Tiere, Flächen und Mitarbeitende. Natürlich begegne sie auch immer wieder verschiedensten Herausforderungen, sagt sie. Alles unter einen Hut zu bringen sowie eine ethisch vertretbare und wirtschaftliche Betriebsführung, gehörten dazu.


Chefinnen bleiben die Ausnahme

In der Schweiz leiten Frauen gut sieben Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe. Noch immer ist der Chef auf dem Hof meist ein Mann - obwohl Frauen 37 Prozent aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft stellen. Mittlerweile wird knapp ein Viertel der Abschlüsse als Landwirtin oder Landwirt von Frauen erworben. Eine Umfrage des Bundesamts für Landwirtschaft und von Agridea aus dem Jahr 2022 zeigt: In der jüngsten Altersgruppe bis 35 Jahre bezeichnet sich bereits jede vierte Frau als Betriebsleiterin. Auf vielen Höfen bleiben die Rollen dennoch traditionell verteilt. Männer führen den Betrieb, Frauen kümmern sich um Kinder, Haushalt, Verpflegung und Garten. Gleichzeitig übernehmen sie zunehmend Verantwortung für ganze Betriebszweige, beispielsweise die Direktvermarktung. Viele Frauen sichern das Einkommen zusätzlich ausserhalb des Hofes. Laut der Studie hat über die Hälfte eine ausserbetriebliche Tätigkeit. Parallel dazu verändern sich die Führungsmodelle: Immer mehr Betriebe werden gemeinsam geführt, Frauen übernehmen Mitverantwortung oder Gesamtleitung. Trotzdem bleibt der Weg in die Leitung anspruchsvoll. Frauen sehen sich mit Hürden konfrontiert, die Männer seltener erleben - besonders dann, wenn sie die Familien- und Betriebsverantwortung gleichzeitig tragen.

UNO: Internationales Jahr der Landwirtinnen

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2026 zum «Internationalen Jahr der Landwirtinnen» erklärt. Frauen weltweit und ihre zentralen Rollen in der Landwirtschaft stehen im Fokus. Die Uno will so ein Zeichen für mehr Gleichstellung und Sichtbarkeit setzen.

29.01.2026 :: Sandra Joder (sjw)