Joel Wicki verstand es, seine Kräfte auf den Tag X zu bündeln – hier beim letzten Kranzfest, dem Tessiner Kantonalen im September 2025. / Bild: Tobias Meyer
Schwingen: Joel Wicki tritt zurück und kann auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Der 28-Jährige sagt, es sei an der Zeit, etwas zurückzugeben.
Joel Wickis Woche startete turbulent. Es seien wirklich unglaublich viele Nachrichten von Freunden, Sportlern, Promis, Medien und Bekannten eingegangen, nachdem er am Sonntag im SRF-«Sportpanorama» seinen Rücktritt vom aktiven Schwingsport erklärt hatte. «Das ist ein sehr schönes
Zeichen; für mich als Sportler und für den ganzen Schwingsport», sagt der Sörenberger zwei Tage später. Wieso machte er diesen Schritt im «Sportpanorama» publik? Er habe keine klassische Medienkonferenz mit einem langen Monolog gewollt, sagt Wicki. «Den Rücktritt in diesem Rahmen zu verkünden und gleichzeitig auf die Karriere zurückzublicken, fand ich schön und einzigartig.» Er sei sehr dankbar, weil nur wenige diese Möglichkeit erhalten würden.
In diesem Moment sei eine gewisse Last abgefallen, sagt der Schwingerkönig von 2022. «Am liebsten würde man diese Entscheidung immer und immer wieder hinauszögern. Aber irgendwann muss man sich festlegen und jetzt bin ich froh, nicht mehr dauernd daran denken zu müssen.»
Beim «Göttibueb» im Training?
Dass sich Joel Wicki künftig im Nachwuchs einsetzen will, liess er bereits durchblicken. In welcher Form das sein werde, habe er wirklich noch keine Ahnung. «Es kann aber gut sein, dass ich mal ein Training leite und den Jungen ein paar Tipps gebe. Nicht zuletzt, weil mein ‹Göttibueb›, der bald neun Jahre alt wird, schwingt.»
Seinem privaten Umfeld will Joel Wicki künftig etwas zurückgeben. «Schon als Kind war ich nie alleine, meine Eltern haben mich und meinen Bruder immer begleitet.» Und auch seine Freundin unterstütze ihn, wo es nur gehe. Nun wolle er ihnen mehr Zeit widmen und Dinge nachholen, die während der Aktivkarriere einfach nicht drin lagen. Auf dem Betrieb, im Beruf, auf der Jagd und mit Freunden und Familie.
Beeindruckende Karriere
Obwohl es auch Rückschläge gab, blickt Joel Wicki auf eine überragende Karriere zurück. Der Königstitel 2022 in Pratteln, 28 Kranzfestsiege (davon 8 Bergfeste), 4 ISAF-Siege, 76 Kränze – dies nur einig der beeindruckenden Zahlen.
Worauf ist er, abgesehen von den vielen Siegen, stolz? «Auf meine mentale Stärke», sagt er nach einigem Überlegen. «Weil sie mir auch im normalen Leben etwas bringt.» Es zeichne ihn aus, nicht mit dem Minimum zufrieden zu sein, sondern mehr zu wollen. Nur so konnte er mit der Körpergrösse von 1,82 Metern eine solche Karriere hinlegen. «Man muss belastbar sein und darf nicht hadern, auch wenn man mal Lehrgeld zahlen muss.»
Zielstrebig und kein «gäbiger» Gegner
«Joel hat schon immer zielstrebig und konsequent gearbeitet», sagt sein langjähriger Teamkollege Erich Fankhauser. Auch Matthias Aeschbacher kennt Joel Wicki gut aus den gemeinsamen Trainings in Magglingen. Das Emmentaler Aushängeschild – der Gegner von Wicki im epischen Schlussgang am ESAF 2022 – pflichtet Fankhauser bei: «Gegen Joel zu schwingen, war nie gäbig, aber daneben war es sehr angenehm mit ihm. Ich wünsche ihm auf diesem Weg alles Gute.»
Mit Erich Fankhauser und den weiteren Teamkollegen hat Joel Wicki in Trainings und an Schwingfesten viel Zeit verbracht. «Als er König wurde, war das für jeden von uns speziell», erinnert sich Fankhauser. Selber hebt er eine andere Erinnerung hervor: «Meinen Sieg auf dem Brünig 2018 habe ich auch Joel zu verdanken, weil er im Schlussgang gegen Kilian Wenger nichts mehr riskiert hat.» Joel Wicki seinerseits bleiben nicht nur die grossen Siege, sondern besonders auch die kleinen Momente mit den Teamkollegen in Erinnerung: «Nach den Trainings haben wir zum Beispiel noch Kebab oder Glace geholt. Diese Zeit habe ich immer genossen, weil es dazugehörte und alle dabei waren.»
Es gibt nichts, dem Joel Wicki noch nachtrauert, auch wenn er am ESAF 2016 in Estavayer unglaublich gerne dabei gewesen wäre, anstatt verletzt auszufallen. Dafür konnte er 2025 endlich den Brünigschwinget gewinnen, was ihm viel bedeutet hat. «Über eine ganze Karriere gleicht sich das Glück aus», ist er überzeugt. «Ich kann zufrieden und gesund aufhören. Für mich stimmt es so.»