Von Süden betrachtet wirkt das Haus besonders imposant. / Bild: Bettina Haldemann-Bürgi (bhl)
Langnau: Von dem Dach aus beobachtete man früher die Sterne. Das fünfstöckige Haus mit Türmchen steht mitten im Dorf. Heute gehört es der katholischen Kirchgemeinde.
Kürzlich hielt Kurt Salzmann im katholischen Pfarreizentrum ein Referat über die einstige Sternwarte. Der pensionierte Mechaniker und Betriebsleiter eines KMU war dabei, als die Kirchgemeinde das Haus, das direkt neben dem katholischen Pfarrhaus liegt, 1984 erwarb. Als Mitglied der Baukommission begleitete er den grossen Umbau von 1994, als die katholische Kirchgemeinde einen grossen Saal ins Untergeschoss der Sternwarte einbaute. Schliesslich half Salzmann lange mit, das Haus mit dem Saal, den Büros und Wohnungen zu verwalten. In seinem Referat zeigte Salzmann spektakuläre Bilder vom Umbau und ging auch auf die Geschichte ein. 1892 gebaut, sei die Sternwarte das älteste Haus an der Oberfeldstrasse, erklärt er. Im Parterre habe es früher einen Schuhladen gegeben (von 1931 bis 1933 Schuhmarkt Wenger), dann sei die Migros gekommen und später habe sich die Gemeinde unter anderem mit dem Polizei-Inspektorat eingemietet. Wer um das Haus herumläuft, staunt über die Höhe und das Volumen des Hauses. Das 130-jährige Haus befindet sich ausserdem in einem tadellosen Zustand. «2004 haben wir die gesamte Fassade renoviert, 2006 die Sandsteinfassade an der Südseite», berichtet Salzmann. Und Claudia Gächter Wydler, Präsidentin der katholischen Kirchgemeinde, ergänzt, dass kürzlich das Treppenhaus und die Süd- und Westfassade wieder saniert worden seien.
Blick in den Himmel
Nun kommt Salzmann auf die Sternwarte auf dem Dach zu reden. «Das Türmchen ist nachträglich gebaut worden, nämlich 1898. Der Sekundarlehrer Fritz Haas nutzte den Anbau, um den Oberschülern am Abend Sternkundeunterricht zu erteilen.» Zu dritt steigen wir nun das imposante Treppenhaus hoch in den ersten und zweiten Stock, dann in den Estrich und von dort über eine kleine Treppe ins Turmzimmer. Claudia Gächter Wydler stösst die grünen Fensterläden auf. Die Holzkammer ist etwa 2,50 mal 2,50 Meter gross und so hoch, dass wir aufrecht stehen können. Kein Teleskop ist zu sehen, dafür offene Fenster, die in alle vier Himmelsrichtungen zeigen. Auf der Südseite blicken wir auf die Alleestrasse und das Höhewegschulhaus hinunter. Im Osten sehen wir über dem Waldrand den Mond aufgehen. Hier also, in luftiger Höhe, schaute man in den Nachthimmel, wie einst die Babylonier auf ihren Treppentürmen 3000 v. Chr. Zu den «happy few», die mit Sekundarlehrer Fritz Haas in die Sternwarte hinaufsteigen durften, gehörte Fred Wenger. «Fritz Haas war ein super Lehrer. Ich hatte Deutsch bei ihm. Er lehrte uns Merksprüche wie den Satz ‹A dr Kasse chasch peye› für das Sternbild Kassiopeia», erinnert sich der ehemalige Gemeindepräsident mit Jahrgang 1929. Salzmann schiebt noch ein Müsterchen nach: «Als Bub musste der Büchsenmacher Fritz Wälti jeweils die Fenster der Sternwarte öffnen gehen. Gottfried Wälti erwarb 1943 die Liegenschaft», erzählt Salzmann weiter, «1946 gründete er zusammen mit seinem Bruder Ruedi und einer Drittperson die ‹Trio-Wolle› mit Sitz in Burgdorf. Godi und Ruedi blieben Junggesellen und wohnten zu zweit zusammen mit ihren Berner Sennenhunden in einer Wohnung. Ich habe beide noch gekannt», so Salzmann, «die beiden alten Männer mit ihren grossen Hunden gehörten zum Dorfbild.»
Erinnerungen an die grosse Familie
Nachkommen bestätigen die Aussagen. Elisabeth Gerber-Wälti schildert Onkel Godi als feinen Mann, der gut zu seinen vielen Geschwistern geschaut habe. Elf Kinder seien sie gewesen. Godi habe an jeder Weihnacht in die Sternwarte eingeladen, und sie habe von ihm schöne Geschenke erhalten, die sie heute noch besitze. Auch Waltraud Wälti-Koller, die Witwe von Fritz, hat viele Erinnerungen an die Sternwarte. Sie berichtet, dass auch Schwester Anna und Bruder Hans mit seiner Familie in der Sternwarte gewohnt hätten. Für die Zeitung hat sie zwei Fotografien hervorgeholt. Die eine zeigt die Gebrüder Wälti vor der Sternwarte, die andere die Grossfamilie mit den Eltern und ihren elf Kindern. Wälti weist auf den Knaben in der zweiten Reihe, den dritten von links, und sagt: «Das ist Godi, der Jüngste, und Ernst, mein Schwiegervater, ist der vierte von rechts.» Beide Schwägerinnen sind sich einig, dass der Verkauf der Sternwarte an die Katholische Kirchgemeinde 1984 eine gute Sache war. Sie loben den Umbau und erzählen vom denkwürdigen Tag, als die Wälti- Familie in der Sternwarte im neuen Saal zusammenkam.