Einen Knotenpunkt markiert

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Die Inschrift «V Stunden von Bern» am Stundenstein in Bigel ist kaum mehr erkennbar. / Bild: Bruno Zürcher (zue)
«In Stein gemeisselt» (1/5): Was bedeutet «V Stunden von Bern» auf dem Stein in Bigel? Dass dieser im sonst eher unscheinbaren Weiler steht, ist kein Zufall.

In fünf Stunden von Bigel nach Bern zu marschieren, ist keine schlechte Leistung. Dabei handelt es sich bei den «V Stunden» nicht um eine Zeit-, sondern eine Distanzangabe. Eine Berner Wegstunde entsprach exakt 18´000 Berner Schuh. Alles klar?

Bevor vor genau 150 Jahren das metrische System eingeführt wurde, galten verschiedene Masseinheiten. Die Stadt und Republik Bern benutzte für Distanzen unter anderem eben den Schuh, und dieser mass 29,30 Zentimeter. Eine Wegstunde entsprach demnach 5279 Metern, oder die Distanz von Bigel nach Bern gut 26 Kilometern. Von den einst rund 150 aufgestellten Berner Stundensteinen – davon befanden sich 130 im heutigen Kantonsgebiet – sind heute noch gut 90 Exemplare erhalten. Sie alle beziehen sich auf einen Punkt, den Zytgloggeturm. «Die Berner nahmen sich beim Strassenbau einem grossen Vorbild an – Rom», ist bei den Fachleuten des Inventars historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) zu erfahren. Die Steine sind in dem Inventar denn auch vermerkt. Zudem hat sie der Regierungsrat im Jahr 1978 unter Schutz gestellt.

In Rom stand zur Zeit des Kaisers Augustus ein goldener Meilenstein, auf den sich alle Meilensteine im weiten Reich bezogen. Im Staate Bern, zu dem auch Gebiete der Waadt und des Aargaus gehörten, bildete der Zytglogge-Turm den Nabel der Welt.


Bestehende Wege übernommen

«Bern hat bei seinen Verkehrsverbindungen auf das bestehende Wegnetz aufgebaut», sagt der Historiker und Archäologe Jonas Glanzmann. «Gegen Westen gibt es sogar Routen, die einst von den Römern angelegt wurden, später von den Zähringern und den Kyburgern genutzt wurden und schliesslich auch dem Stadtstaat Bern dienten.» 

Sucht man online nach dem raschesten Weg, um zu Fuss von Bigel nach Bern zu gelangen, erhält man in Sekundenschnelle diese Route: Zuerst gehts nach Schafhausen, dann führt der Weg hoch in westlicher Richtung über die Anhöhe Wegesse, bevor man bergab nach Utzigen gelangt, wo die Route ins Worblenthal und nach Bern führt.

«Vor hunderten von Jahren haben die Leute ziemlich sicher eine ganz ähnliche Route gewählt», sagt Glanzmann. Händler und Gesandte von Bern gingen diesen Weg aber nicht, um nach Bigel zu gelangen; ihr Ziel war weiter entfernt. Denn schon im Mittelalter dürfte der Ort ein kleiner Weiler gewesen sein – einer aber, an dem sich zwei Wege kreuzten: Erstens der oben beschriebene von Bern, der dann via Lützelflüh Richtung Huttwil führte. Der andere Weg war die Nord-Süd-Verbindung von Burgdorf Richtung Thun. Diese Wege seien sicher recht oft begangen worden, auch wegen der nahen Herrschaft Brandis, fügt der Historiker an. «Bigel findet sich als einer der ersten Orte der Region überhaupt in schriftlichen Quellen, und zwar bereits im 9. Jahrhundert.»


Burgherrschaft hatte die volle Kontrolle

Viele der rund 60 Burgstellen, welche im Emmental nachgewiesen werden konnten, liegen an Verbindungswegen. So auch am Weg von Bigel Richtung Huttwil. «Heute wissen wir, dass der Weg von Lützelflüh auf den Münneberg führte. Dort musste man  zwischen der Vorburg und der Hauptburg passieren. Wer über die Herrschaft der Burg verfügte, hatte die volle Kontrolle», hält Glanzmann fest. Wie waren die Leute unterwegs? «Meist zu Fuss, und die Lasten wurden von Tieren getragen», erklärt Glanzmann. Wagen waren sicher nur auf den grössten Strassen anzutreffen. Und ein grosser Teil der Güter wurde über das Wasser transportiert. Auch über die Emme sei Holz (als Floss) beladen mit verschiedensten Waren transportiert worden. «Es herrschte ein reger Handel», weiss Jonas Glanzmann. «Am Markt in Willisau boten italienische Händler ihre Waren an, beispielsweise Gewürze, die es hier sonst gar nicht gab. Und sie nahmen dann Waren mit, um diese südlich der Alpen wieder zu verkaufen.»

Obwohl den Wegbauern von einst nur einfache Mittel zur Verfügung standen, schafften sie es, gut begehbare Routen zu finden. Jonas Glanzmann: «Sie mieden vor allem eines: Wasser.» Bäche und Flüsse konnten grosse Gebiete überfluten. Wasser im Untergrund war auch nicht praktisch, um einen tragfähigen Weg anzulegen. Das ist der Hauptgrund, warum viele historische Wege über Anhöhen führen. «Die Wannenfluh zwischen Ramsei und Ranflüh war lange Zeit ein unüberwindbares Hindernis. Erst 1837 wurde dort eine Passage gebaut, vorher musste man stets den Umweg über Rüderswil antreten.» Alte Hohlwege zeugen vielerorts von den einstigen Routen. «Sie wurden angelegt, um besonders steile Passagen etwas zu entschärfen. Wenn sie ausgetreten waren, wurden sie einfach neu ausgehoben, weshalb sie immer tiefer wurden», erklärt Glanzmann.

Trotz den baulichen Massnahmen gab es gefährliche Stellen. Mit sogenannten Gebotssteinen wurde auf die Gefahr hingewiesen. Solche Exemplare findet man heute im Gebiet der «Wochen-Zeitung» keine mehr.  «Aber im hügeligen Emmental dürften einst solche Steine gestanden haben», heisst es beim Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz.

25.12.2025 :: Bruno Zürcher (zue)