Error compiling Razor Template (contact the administrator for more details)

Liebling, wir rächen uns selbst!

Liebling, wir rächen uns selbst!
Bild: Jürg Kühni (JKB)

Der Gedanke an die bevorstehende Einkaufstour im städtischen Weihnachtsrummel brachte Kurt zum Seufzen. Aus Solidarität mit Silvia hatte er sich trotzdem bereit erklärt, einen Freitagabend zu opfern, um gemeinsam Geschenke, Dekoration und Esswaren fürs Fest einzukaufen. Als die beiden nach zwei Stunden schwer bepackt und müde zum Parkplatz zurückkommen, traut Kurt seinen Augen nicht. Der linke Rückspiegel ihres Audis liegt auf der Haube, daneben eine Schachtel mit den säuberlich zusammengewischten Scherben. «Was zum …» Kurt unterdrückt einen heftigen Kraftausdruck und surrt nervös wie eine Wespe ums Auto herum. Während Silvia den Kofferraum öffnet und die Taschen in Sicherheit bringt, hört sie ihren Mann rufen: «Schatz, da klemmt ein Zettel unter dem Scheibenwischer!»

«Siehst du, es gibt doch noch ehrliche Leute.»

«Das darf jetzt aber nicht wahr sein!»

«Was darf nicht wahr sein?»

«Komm und lies!»

Silvia überfliegt die vier hastig hingekritzelten Zeilen.

«Ich habe wohl etwas zu schnell eingeparkt.

Pech für Sie.

Frohe Weihnachten, der Engel Gabriel.»


Sie schüttelt entrüstet den Kopf:
«So eine bodenlose Frechheit.» Kurts Gesicht färbt sich rot, seine Mundwinkel zucken vor Empörung. Er kann es nicht fassen. Das ist ja wirklich der Gipfel aller Gipfel. Der Verursacher des Schadens spielte allfälligen Augenzeugen vor, er notiere gewissenhaft seine Adresse und Telefonnummer. Stattdessen schrieb er diese verhöhnenden Zeilen und brachte zu allem Überfluss auch noch den Engel Gabriel ins Spiel.

«Wenn ich diese Person in die Finger kriege …» Kurt bricht den Satz ab, zum einen, weil er noch nicht weiss, was er dann wirklich machen würde, zum anderen, weil jemand «Hallo» ruft. Die Stimme gehört einer jungen Frau. Kurt fallen als erstes ihre pinkgefärbten Haare auf, die Piercings in den Augenbrauen und Oberlippen, die weissen Musikstöpsel in ihren Ohren, der viel zu weite Pulli und die ausgebleichten Jeans, die im Bereich der Knie aufgerissen sind. «Wie ich sehe gibt es Probleme», wendet sie sich an Silvia, zückt ihr Handy. «Ich habe alles gefilmt. Zwar nicht den Crash selbst, aber den Typen mit der hellen Jacke, der die Scherben aufgewischt und den Zettel geschrieben hat.»


Während Kurt sprachlos mit dem Kopf wippt, stecken die beiden Frauen bereits ihre Köpfe zusammen und betrachten aufmerksam die entscheidende Szene auf dem Smartphone. «Nein, das glaub´ ich jetzt nicht», ereifert sich Silvia, «Kurt, schnell, komm schau´, wer da zu sehen ist!»

Auf dem Bildschirm erkennt Kurt seinen Nachbarn Roland.

Eigentlich würde er das Verhältnis zu ihm und seiner Frau als ordentlich gut bezeichnen, ausser dass Roland ständig meint, zu allem seinen Senf geben zu müssen. Vor allem ist ihm ein Dorn im Auge, dass sich Kurt im Kirchgemeinderat engagiert. Seinen Spott über die Kirche im Allgemeinen und die Gläubigen im Besonderen lässt er Kurt bei jeder möglichen und unmöglichen Situation spüren. Dazu passt die «Unterschrift» auf dem Zettel vom Engel Gabriel. Es besteht kein Zweifel, dass er das Auto seiner Nachbarn erkannt und sich zu allem Überfluss noch diesen geschmacklosen «Spass» erlaubt hat.

Während Kurt vor Wut kocht, lässt sich Silvia von der jungen Frau die Video-Datei auf ihr eigenes Handy schicken und streckt ihr einen Geldschein entgegen, welchen diese aber dankend ablehnt.

Im Auto beraten die zwei das weitere Vorgehen. Kurt schlägt vor, auf dem Polizeiposten Anzeige zu erstatten, das Beweismaterial hätten sie ja sogar dabei. Doch Silvia, die einmal mehr die Ruhe in Person ist, schüttelt den Kopf und erklärt kaltblütig: «Keine Polizei, Liebling, wir rächen uns selbst!» Kurt wirft seiner Frau einen erstaunten Blick zu. Der Begriff «Rache» steht normalerweise nicht in ihrem Vokabular. Als sie ihn jedoch in ihre Pläne einweiht, hellt sich sein Gesicht auf und er grinst: «Genial, so machen wir es! Du gehst auf seine Frau Lea zu und lädst die beiden zu einem gemütlichen Nachtessen ein. Nachbarschaftspflege ist doch immer gut. Und damit die Gespräche gleich zu Beginn Tiefgang bekommen, servierst du zur Vorspeise grünen Salat mit einem Spiegelei.»


Drei Wochen später ist der Autospiegel ersetzt, der Tisch festlich gedeckt und alles steht zum Empfang der Gäste bereit. Silvia räumt die letzten Kochutensilien in die Abwaschmaschine ein und Kurt entkorkt einen roten Chardonnay, als es an der Türe läutet. Im Eingang steht Lea in einem modisch-eleganten dunkelblauen Kleid, die Haare hochgesteckt, ihre Augen dezent geschminkt. Ganz offensichtlich hat sie sich für diesen Abend schön gemacht. Sie überreicht der Gastgeberin einen bunten Blumenstrauss und drückt mit viel Herzlichkeit ihre Freude aus über die unerwartete Einladung.

Roland in einem rot-schwarz-karierten Hemd mit gelber Fliege wirkt eher gehemmt und verunsichert. Mit einem erzwungenen Lächeln und einem knappen Gruss überreicht er Kurt eine Flasche Rotwein. Während die Frauen beim Apéro mit einer natürlichen Unbefangenheit plaudern, will bei den Männern kein rechtes Gespräch in Gang kommen. Um überhaupt irgendetwas zu sagen, fragt Roland schliesslich: «Und wie geht es euch im Kirchgemeinderat?» Kurt beginnt zu erzählen: «Jetzt, Ende November, gibt es viel zu tun. Wir führen an Weihnachten ein Krippenspiel auf, für einmal nicht mit Kindern, sondern mit Erwachsenen.»

«Ach ja?»

«Doch, doch! Lehrer Mäder, der Regie führt und seine Frau spielen Maria und Josef; einige aus der Männerkochgruppe übernehmen die Rolle der Hirten; Schreiner Wenger ist der Wirt und der Trachtenchor wird zum Engelchor.»

«Interessant!»

«Nur mit dem Engel Gabriel tun wir uns schwer. Keiner will seinen Part übernehmen.»

Roland reibt sich die Fingerspitzen und schlägt die Beine übereinander.

«Sitzt du bequem oder ist die Couch zu hart?»

«Nein, alles bestens. Welche Aufgabe hat denn eigentlich der Engel Gabriel?»

Beim Anblick seines Nachbarn, der offensichtlich schwere innere Kämpfe durchlebt, kann Kurt ein Schmunzeln kaum unterdrücken. Nach einem kurzen Räuspern erklärt er: «Zum einen hat der Engel Gabriel die Aufgabe, dem betagten Priesterehepaar Elisabeth und Zacharias eine Schwangerschaft anzukündigen. Ihr Sohn Johannes werde die Menschen zur Umkehr bewegen, zurück auf den rechten Weg, zurück zu Gott.»


Roland zupft nervös an seiner gelben Fliege und lockert mit zwei Fingern den Hemdkragen. Ob es wohl Zeit wäre für ein Geständnis? Stattdessen fragt er: «Und was ist das andere, das der Engel Gabriel auch noch getan hat?» Etwas enttäuscht darüber, dass sein Nachbar ausweicht, erwidert Kurt: «Zum zweiten hat der Engel Gabriel der jungen Maria in Nazareth eine Schwangerschaft angekündigt. Ihr Sohn Jesus werde ein ewiges Königreich aufbauen. Sein Name bedeutet ‹Helfer und Retter›. Wer ihn zu seinem König macht, dem schenkt er Hilfe und Rettung aus Schuld und Verstrickung.»


Gespannt beobachtet Kurt, wie diese Worte auf sein Gegenüber wirken. Roland scheint mit sich zu ringen. Endlich gibt er sich einen Ruck und beginnt: «Kurt, ich, ehm …» In diesem Moment ertönt aus der Küche Silvias Stimme: «Essen ist fertig!»


Roland verstummt, die beiden Männer setzen sich zu Tisch, während Silvia den Hackbraten mit Kartoffelgratin serviert. Den Salat dazu gibt es ohne Spiegelei. Nach dem Anstossen auf eine gute Nachbarschaft reisst der Gesprächsfaden ab. Schliesslich fragt Lea: «Und, worüber habt ihr Männer euch beim Apéro unterhalten?»

«Über das Krippenspiel der Kirchgemeinde», erklärt Kurt. «Ah, sehr schön», nimmt Silvia den Faden auf, «die Rolle des Engels Gabriel ist übrigens noch offen. Ob das etwas für dich wäre, Roland?»

Diese Frage wird zum berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Mit stockender Stimme gesteht Roland sein Missgeschick beim Parkplatz. Er räumt seine Feigheit ein, für den verursachten Schaden keine Verantwortung übernommen zu haben und wie er zu allem Überfluss seinem Nachbarn aus Eifersucht noch eins auswischen wollte. Deshalb der Zettel mit «Engel Gabriel». Natürlich komme er für den Schaden auf ...


Während sich bei Silvia und Kurt eine innere Spannung löst, drückt Leas Gesicht blankes Entsetzen aus. «Roland?!» Dieser schüttelt fortwährend den Kopf, den Blick starr auf die Tischplatte gerichtet. Schliesslich seufzt er: «Es tut mir alles sehr leid! Lea, komm, wir gehen!»

«Nichts da!», entgegnet Silvia entschlossen und hebt ihr Glas. «Wir stossen auf einen Neuanfang und auf unsere Versöhnung an.»


Je länger der Abend dauert, desto mehr taut Roland auf, und auch Lea gelingt es, sich wieder zu entspannen. Die Gespräche gewinnen an Tiefe, werden herzlicher und fröhlicher.

Beim Abschied kurz vor Mitternacht meint Kurt mit einem Schmunzeln zu seinem Nachbarn: «Übrigens, ich sehe dich voll und ganz in der Rolle als Engel Gabriel im Krippenspiel. Überleg´ es dir doch und gib mir in den nächsten Tagen Bescheid. Keiner wird seine Botschaft von Umkehr, Neuanfang und Rettung überzeugender vermitteln als du!»

25.12.2025 :: Herbert Held