Experiment Generationenhaus kann starten

Experiment Generationenhaus kann starten
Bald können die Baumaschinen abtransportiert werden und die Bewohnerinnen und Bewohner einziehen. / Bild: Ruedi Trauffer
Langnau: Kommenden Samstag wird das Generationenhaus an der Mooseggstrasse 44 eingeweiht. Leben werden darin in der Tat Menschen aller Generationen, das ist schon jetzt klar.

Urs Philipp führt mich über eine schmale Rampe in den Keller. «Das ist die Zufahrt zu unserer Tiefgarage», erklärt er. Ein langgestreckter, geräumiger Gang öffnet sich hinter der Glastüre. «Da werden die Velos und deren Anhänger unserer 32 Bewohnerinnen und Bewohner stehen. Der Raum wird sich füllen, denn wir sind ein autoarmes Wohnhaus», sagt Urs Philipp. Von den 18 Erstmietern besitzen nur vier ein Auto; direkt beim Haus findet man bloss drei Parkplätze, dazu zwei Gastparkplätze. «Die Nachbarn müssen aber nicht Angst haben vor überstellten Strassenrändern. Es ist Teil unserer Mietverträge, dass alle, die einen weiteren Parkplatz benötigen, diesen woanders zumieten müssen.» Man spürt bald, dass hier einer ökologischen Grundhaltung grosses Gewicht beigemessen wird. Darauf wurde auch beim Bau geachtet. Das Gebäude ist elektrobiologisch optimiert, energetisch besitzt das Haus das Label «Minergie plus». Geheizt wird mit der Sonne und während rund dreier Monate zusätzlich mit einer modernen Stückholzheizung. «Wir haben uns bewusst für diese Form entschieden, weil wir die Arbeit nicht scheuen und es rund um uns sehr viel Brennholz gibt.» Weitere Räume im Keller verraten das Konzept des ganzen Hauses: Die privaten Anteile klein halten zugunsten grosser Gemeinschaftsräume. So hat man bewusst auf abgetrennte Kellerabteile verzichtet – da werden Menschen einziehen, die miteinander etwas zu tun haben wollen.


Wie früher der Dorfbrunnen

Zentral und hell präsentiert sich die Waschküche im Erdgeschoss. «Ihr prominenter Platz erstaunt vielleicht», meint Resa Friedli, die zusammen mit Urs Philipp kürzlich das Präsidium der Wohngenossenschaft übernommen hat. «Wir hoffen, dass sie ein Treffpunkt werden kann, wie es früher der Dorfbrunnen war.» Das Zentrum des Hauses ist das Atrium, ein lichtdurchfluteter Innenraum über alle Stockwerke. «Weil die Fluchtwege des Hauses über die breiten, gedeckten Lauben rund ums Haus führen, dürfen wir das Atrium nach unseren Wünschen möblieren. Das ist sonst in Treppenhäusern nicht erlaubt.»

Auch eine Gemeinschaftsküche und ein Mehrzweckraum sind vorhanden. Sie würden aber nicht täglich gemeinsam kochen», erklärt Friedli. «Vielleicht ergeben sich grössere Kochgemeinschaften; vor allem aber bietet diese Küche die Möglichkeit, auch mal ein grösseres Geburtstagsfest zu feiern. Die Küche werden wir mit oder ohne Saal und den Aussenplätzen auch vermieten.» Die Wohnungen (1- bis 4½-Zimmer) sind eher klein gehalten. Erstens, damit sie bezahlbar bleiben, zweitens will die Leitung des Generationenhauses so zum Benutzen der Gemeinschaftsräume animieren. Im ersten Stock öffnet Resa Friedli eine Tür: «Hier befindet sich die einzige Badewanne des Hauses. Das ist unsere Wellnessoase. Die einzelnen Wohnungen sind mit Duschen ausgestattet.»

Das Haus ist seit mehreren Monaten ausgebucht. Die Erstmieterinnen und -mieter freuen sich auf ihren Einzug. Sie durften bei der Ausstattung ihre Wünsche anbringen, so dass jetzt Küchen und Bäder in den verschiedensten Farben entstanden sind. Wer wird denn das Haus bewohnen? «Wir haben bei den Aufnahmegesprächen bewusst darauf geachtet, dass wir unser Konzept der Altersdurchmischung realisieren konnten. Es werden vier Familien mit kleinen Kindern einziehen, junge Erwachsene, Paare und Einzelpersonen, und natürlich hat es auch Leute im Pensionsalter. Der älteste Bewohner ist 75, das jüngste Mitglied noch im Bauch der Mutter.»

Wer hier wohnt, muss Genossenschaftsanteile kaufen. «So gibt es einen Mix zwischen Eigentum und Miete und führt zu einer grösseren Verbindlichkeit», erklärt Paul Christ, der die Genossenschaft lange präsidiert hat. «Jedem gehört das Haus, so lange er darin wohnt.»

Die Bewohner leben zum Teil seit Jahrzehnten in Langnau, andere kommen von weit her und freuen sich auf das attraktive Dorf. Die zentrale Lage des Hauses ist sicher ein Plus.

Es gibt kein definiertes Mass an Sozialzeit, die jede Partei leisten sollte. Schon bei der vielen Eigenarbeit während des Baus konnten nicht alle im gleichen Mass mithelfen. Von jedem werde aber in irgendeiner Form eine Mitarbeit für das Generationenhaus gewünscht. 


Regionales Handwerk

Der spannende Bau kann sich sehen lassen; er ist fast ausschliesslich mit Unternehmern aus der Region realisiert worden. Durch ein grosses Mass an Eigenleistungen konnte man die Kosten trotz gestiegener Rohstoffpreise im Griff behalten. «Nach dem Einzug werden wir gemeinsam mit der Gemeinde und den Quartierbewohnern den öffentlichen Spielplatz planen. Dieser ist Grundlage des Baurechtsvertrages und wird für uns ein schönes Tor zum Quartier darstellen», sagt Urs Philipp. «Wir hoffen, dass er im Laufe des nächsten Jahres fertig wird.»

21.07.2022 :: Ruedi Trauffer