«Seid doch froh, dass die Reitschule in Bern steht und nicht im Emmental»

«Seid doch froh, dass die Reitschule in Bern steht und nicht im Emmental»
Stadt und Land an einem Tisch: Michelle Renaud, Alec von Graffenried, Jürg Rothenbühler und Manfred Bühler. / Bild: Markus Zahno (maz)
Trubschachen: Eine illustre Runde hat über die Beziehung zwischen Stadt und Land diskutiert. Eine Beziehung, die zuweilen belastet ist – etwa beim Thema Reitschule.

Gibt es einen Graben zwischen Stadt und Land? Wenn der Präsident der SVP Schweiz in seiner 1.-August-Rede sagt, man müsse die freie Schweiz gegen die links-grünen Städte verteidigen. Wenn ein SVP-Grossrat die Gründung eines Halbkantons Berner Oberland fordert. Und wenn die SP Bern eine Arbeitsgruppe ins Leben ruft, die sich mit einem Stadtkanton Bern befasst. Dann könnte man meinen: Ja, es gibt einen Graben zwischen Stadt und Land.

In der Praxis scheint das Thema nicht gar so brisant zu sein. Jedenfalls, wenn man die Podiumsdiskussion zum Massstab nimmt, welche «Die Mitte Oberes Emmental» organisiert hat. Im «Bären»-Saal in Trubschachen bleiben die meisten Stühle an den langen Tischreihen leer. 19 Leute sitzen im Publikum, als oben auf der Bühne der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL), der Emmentaler Grossrat Jürg Rothenbühler (Mitte) und SVP-Kantonalpräsident Manfred Bühler über den Stadt-Land-Graben diskutieren.


Der Verkehr bereitet Sorgen

Von Graffenried ist es anzuhören und auch anzusehen, dass er nicht allzu viel von der Graben-Diskussion hält. Er habe diesen Graben lange gesucht, ihn aber nicht gefunden, sagt er. Natürlich hätten städtische und ländliche Gebiete unterschiedliche Ausgangslagen und Interessen. «Uns bereitet zum Beispiel der zunehmende Verkehr Sorgen.» Zudem gebe es in der Stadt praktisch keinen verfügbaren Wohnraum mehr, während in bestens erschlossenen Orten wie Huttwil jede zehnte Wohnung leerstehe. «Das ist schon krass.»

Der Verkehr bereite auch den Menschen im Emmental Sorgen, ruft Jürg Rothenbühler in Erinnerung. Aus dem Oberemmental durch Burgdorf zu fahren oder mit dem Handwerkerbus morgens in die Stadt Bern zu wollen – eine Zumutung. Deshalb seien Projekte wie die Umfahrung Oberburg eminent wichtig für die Region. Im Projekt seien auch Massnahmen für den Langsamverkehr und den ÖV enthalten, trotzdem werde es von Links-Grün kritisiert. «Das verstehe ich nicht.»


Die Städte werden zu gross

Nebst dem Verkehr wird auf dem von Michelle Renaud moderierten Podium auch über Raumplanung, Bildung und Finanzen diskutiert. Und über Energie. «Je grösser eine Stadt ist, desto mehr Energie benötigt sie, desto weiter werden die Distanzen zum Ort, wo die Nahrung angebaut wird.» Kurz: Mit zunehmender Grösse steige auch die Anfälligkeit für soziale und wirtschaftliche Krisen. «Deshalb brauchen wir in Zukunft kleinere Einheiten», sagt Bühler, der im Nebenamt Gemeindepräsident des 700-Einwohner-Ortes Cortébert ist. Den Einwand, dass Bern nicht ganz so gross ist wie die Megacitys Paris, London oder Mexiko-Stadt, kann Manfred Bühler nachvollziehen. «Aber wir müssen aufpassen, dass es nicht auch bei uns in diese Richtung geht.»


Die Provokationen fruchten

«Das Problem ist, dass die Stadt Bern ihr schönstes Land verbaut und den Menschen immer mehr Natur wegnimmt», sagt ein Mann aus dem Publikum. Ein anderer Votant erklärt, wie er sich jedes Mal, wenn er vom Emmental nach Bern reise, über die Lorrainebrücke fahre und dann rechts hinüber blicke, über die Reitschule aufrege. «In meinen Augen gibt es da nur eine Lösung: Aufräumen!» Stadtpräsident Alec von Graffenried entgegnet ruhig: Natürlich rege auch er sich über gewalttätige Vorfälle auf, «keine Frage». Dennoch sei es wichtig, der Jugend alternative Räume zu lassen. «Die Jungen wollen, dass wir uns aufregen – und wir fallen darauf rein», sagt er. «Seid doch froh, dass sie das in Bern machen und nicht im
Emmental.»

Vielleicht gebe es trotz allen Unterschieden gar keinen Stadt-Land-Graben, hält Moderatorin Michelle Renaud in ihrem Schlusswort fest. Aber der Beziehungsstatus zwischen Stadt und Land sei halt doch: «kompliziert».

12.05.2022 :: Markus Zahno (maz)