Grüne Verwandlung

Haben Sie die Osterdekoration weggeräumt? Wenn nicht, bekommen Sie bitte ja kein schlechtes Gewissen oder gar das Gefühl, unordentlich zu sein. Meine Osterdekoration liegt  immer noch auf meinem Bürotisch – und noch schlimmer, meine Adventsdekoration auch. Vermutlich auch nicht ganz zufällig.

Genau genommen ist meine Osterdekoration auch meine Adventsdekoration. Ich hatte mir diese Anfang Dezember in der Gärtnerei gegenüber gekauft. Ein grosses Hartlaubblatt mit einem dicken Stiel, gefüllt mit einer ganzen Landschaft: kleine Zäpfchen, Flechten, getrocknete Beeren, Olivenblätter und trockenes Schleierkraut. Eine Steppenlandschaft inmitten eines kräftigen Blattes. Ob ich dem grossen Blatt nicht ab und zu Wasser geben müsse, fragte ich die Floristin. Sie hatte vermutlich Erfahrung mit genau diesen etwas ungläubigen Fragen: Nein, muss man nicht. Das Wasser ist ja wie beim Kaktus im Blatt gespeichert. Und wenn Sie etwas Geduld haben, wird am 25. Dezember aus dem dicken Stiel neues Grün spriessen – dabei lächelte sie verheissungsvoll. 

Bis am 23. Dezember passierte nichts, ausser dass das kräftige fleischige Blatt immer mehr austrocknete und sich am Rand gelblich verfärbte – Verkaufstrick also statt grüner Verheissung? Doch pünktlich mit dem anbrechenden Weihnachtsmorgen begannen aus dem Stiel feine hellgrüne Blätterspitzchen zu spriessen. Inzwischen ist Ostern geworden, und aus dem Blattstiel wachsen unzählige dichte Blätter, eine wilde, hellgrüne Lebendigkeit. Das grosse Blatt mit seiner Steppenlandschaft ist dürr und zerbrechlich geworden. Alles Leben ist aus ihm gewichen zugunsten des Neuen. Und das ohne mein Zutun, ganz von selbst. Ich weiss, dass es Himmelfahrt und Pfingsten überdauern wird. Ob ich es dann in einen Blumentopf einpflanze, das weiss ich noch nicht. Aber eines weiss ich: Dass neues Leben ganz ohne unser Dazutun aus trockenen, dürren Zeiten hervor geht. Behaltet die Osterdekoration – die Welt und wir Menschen haben sie nötig!

05.05.2022 :: Patrizia Weigl-Schatzmann