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Ohne Piecks

So war das nicht gemeint. Abgemacht war, dass er sie hin und wieder als Gesellschafter besucht. Dass er ihrer Einsamkeit etwas entgegensetzt, indem sie am Nachmittag bei ihr zuhause ein paar Stunden Schach spielen. Damit sie wenigstens im Gehirn jung bleibt. 

Dass er hin und wieder ein paar Besorgungen für sie macht, war für ihn auch ok. Aber dass er nun auch beim Impfen gegenwärtig sein sollte? Nein, das war nicht abgemacht. Nachdenklich, ja geradezu irritiert sucht er sich seinen Weg durch die Regale. Ein Kilo Müesli, ein paar Fertigsuppen, ein Büchsli Aromat, etwas Obst, eine Packung Knäckebrot. Und das Joghurt. «Ein Joghurt zum Impfen» steht mit zittriger Schrift, aber klar und ohne jeden Zweifel entzifferbar auf der Einkaufsliste. Eigenartig, denkt er. Ob man neuerdings beim Impfen essen darf? Na gut, es gibt mittlerweile ja alles Mögliche als Dankeschön beim Impfen: Kaffee, Donuts, Hotdog, Raclette. Warum denn nicht auch ein Joghurt. Das gabs ja früher schon beim Blutspenden. Sonderbar nur, dass sie sich das Joghurt selber einkauft. Das wird es doch wohl als Belohnung geben? Oder kommen sie letzten Endes gar bei ihr zuhause vorbei und impfen sie in der Küche? Dabei wäre sie doch noch recht gut zu Fuss. Gut genug jedenfalls für die paar Schritte zum Bus. Mit seiner Begleitung würde sie den Weg zum Impfzentrum ohne Probleme bewältigen. Vielleicht hat sie den Impftermin extra auf «seinen» Nachmittag gelegt, damit er ihr beisteht? Vielleicht hat sie Angst vor der Nadel und er sollte ihr die Hand auf die Schultern legen und sie beruhigen. Während die Kassiererin das Rückgeld abzählt, schweift sein Blick noch einmal über den Einkaufszettel. – Ein Joghurt zum Impfen. Keine Zweifel. 

Ohne grosse Worte übergibt er ihr zuhause die Einkäufe. Sie räumt alles akkurat in die aufgeräumten Küchenschränke. Ausser dem Joghurt. Scheinbar achtlos lässt sie es neben dem Kochherd stehen, nimmt einen Schwingbesen aus der Schublade, öffnet den Becher und rührt das Joghurt sorgfältig unter die erwärmte Milch, die auf dem Herd steht. Als er ihr seine Fantasien erzählt hatte, bricht sie in schallendes Gelächter aus. «Wenn ich immer nur aus dem vorangehenden Joghurt neues mache, wird es immer saurer. Hin und wieder brauche ich ein frisches Joghurt zum Impfen», sagt sie, leert die Milch in die vorgewärmten Gläser, stellt diese in eine alte
Styroporkiste und schliesst den
Deckel. Über Nacht wird aus der frisch geimpften Milch neues Joghurt entstehen. 

Ganz ohne Piecks.

25.11.2021 :: Lukas Fries-Schmid