Kleiner Ort, grosse Ausstrahlung

Kleiner Ort, grosse Ausstrahlung
Der Chor mit dem gotischen Fenster und dem romanischen Mauerwerk zählt zu den ältesten Teilen der Kirche Würzbrunnen. / Bild: zvg
Röthenbach: Jonas Glanzmann hat eine Broschüre über die Kirche Würzbrunnen in der Reihe «Schweizerische Kunstführer» verfasst. Darin schildert der anerkannte Archäologe den Werdegang des 1000-jährigen Gotteshauses und macht auf die Schätze der Kirche aufmerksam.

Die Kirche Würzbrunnen zieht damals wie heute in Bann. Ein Grund dafür ist die ausserordentliche Lage. Wie ein Tempel thront die Kirche alleine auf einer leicht erhöhten Ebene, von wo man sie von allen Seiten sieht. Jonas Glanzmann, der sich seit Jahren mit der Geschichte des Emmentals befasst, weist auf die vielen Quellen und Wasserläufe hin, die hier entspringen. Sie haben der Kirche die Bezeichnung «Brunnen» gegeben. «Würz», der vordere Teil des Namens, könnte bedeuten, dass es sich um eine besonders wertvolle Quelle handelt. 

Der Ursprung der Kirche Würzbrunnen liegt im Dunkeln. Man weiss nicht, wer wann die Kirche gebaut hat. Zwar nennt der Autor an einer Stelle die Freiherren von Signau als mögliche Stifter, weil die Kirche am Rande der einstigen Herrschaft Signau steht, aber Beweise gibt es nicht. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Kirche Würzbrunnen 1148 im Zusammenhang mit dem Cluniazenserkloster in Rüeggisberg, dem die Kirche zu diesem Zeitpunkt angehört. 

Jonas Glanzmann zitiert Urkunden aus dem 15. Jahrhundert, welche belegen, dass die Kirche Würzbrunnen eine Wallfahrtskirche gewesen ist. Als Gründe für die Wallfahrten nennt er einerseits die Epidemien, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts grassierten. Andererseits weist der Mittelalterspezialist auf die Verkehrsachse von Burgdorf nach Thun hin, die an der Kirche Würzbrunnen vorbeiführte. 

Spannende Geschichte

Spannend wie ein Krimi liest sich die Baugeschichte der Kirche, welche der Archäologe rekonstruiert. Der Chor weist ein regelmässiges romanisches Mauerwerk auf. Er gehört, zusammen mit dem gotischen Fenster an der Ostwand, zum ältesten Teil der Kirche. Andere Teile wurden im Lauf der Zeit erneuert oder beschädigt. Glanzmann erwähnt das offene Mauerwerk im Dachgeschoss, dessen Kieselsteine und Tuffquader rötlich gefärbt sind, und meint, dass nur der überlieferte Brand von 1494 derartige Brandspuren hinterlassen konnte. Dann lenkt er die Aufmerksamkeit auf grosse, ebenfalls von der Hitze rötlich gefärbte Steine, die an der Nordwand des Chors etwas herausragen. «Ursprünglich trugen diese Steine einen Bogen, der den Chor vom Langhaus trennte und der vielleicht unter dem Gewicht des brennenden Dachstuhls zusammengebrochen ist», mutmasst der Forscher und weist auf die unter dem Putz sichtbare Abbruchstelle hin. 

Beim Wiederaufbau markierte man die Grenze zwischen Chor und Schiff weiterhin. An Stelle des abgebrochenen Chorbogens brachte man ein verziertes Holzbrett an der Decke an. Weiter wurde die Westwand gegen Norden hin verbreitert. Während der Brand auch die Steine der alten Giebelwand rötlich gefärbt hat, weisen die Kieselsteine des Anbaus keine Brandspuren auf.  

Im Vorhof des Himmels 

Im zweiten Teil der Broschüre beschreibt der Autor die Besonderheiten der Kirche wie die Orgel von 1785 und die prachtvolle Holzdecke um 1500. Ein besonderes Augenmerk richtet Glanzmann auf die Malereien beim Hauptportal. Er beschreibt die vier Bildfelder mit packenden Worten und weist auf deren Verwandtschaft mit der Kirche Scherzligen hin. Links der Eingangstüre ist Christus mit den Leidenswerkzeugen zu erkennen; rechts der Heilige Christophorus (Christusträger) in einem vornehmen Gewand. Über dem Eingang ist die Abbildung des Heiligen Stephanus und des Heiligen Vinzenz von Saragossa zu sehen und darunter – zu einem späteren Zeitpunkt angebracht – die Steinigung des Heiligen Stephanus. Die Malereien sind um 1400 entstanden und müssen auf die Pilgerinnen und Pilger wie Botschaften aus dem Jenseits gewirkt haben. 

Mit dem Schweizerischen Kunstführer hat Jonas Glanzmann die Kirche Würzbrunnen in den Rang eines international bedeutenden Bauwerks gehoben. Ausgestattet mit guten Abbildungen richtet sich die handliche Broschüre an ein breites Publikum. Wer sie kaufen möchte, muss sich allerdings noch ein wenig gedulden. Die Publikation ist erst ab der Vernissage erhältlich, welche in den September verschoben wurde.


Jonas Glanzmann – Die Kirche Würzbrunnen, Schweizerische Kunstführer GSK, ab September 2021 erhältlich. Öffnungszeiten der Kirche: Sommerzeit: 9.00 bis 21.00 Uhr, Winterzeit: 9.00 bis 20.00 Uhr. Infos: www.kirche-roethenbach.ch 

27.05.2021 :: Bettina Haldemann (bhl)