Neophyten: Eingeschleppt und geblieben

Neophyten: Eingeschleppt und geblieben
Das gelb-weisse Einjährige Berufskraut hat sich auf dieser Wiese aus­gebreitet. Es besteht die Gefahr, dass es die ein­heimische Flora verdrängt. / Bild: Jan Ryser
«Serie Pflanzengesundheit»: Immer mehr nicht heimische Pflanzen breiten sich bei uns aus. Manche verdrängen angestammte Pflanzen und werden so zur Gefahr für die Natur und die Landwirtschaft.

Hell leuchtet das Grün des Japanischen Staudenknöterichs zwischen den Gräsern hervor. Die Zierstaude hat sich an einer Uferböschung entlang der Ilfis ausgebreitet. Die Pflanze ist mit ihren zarten Blättern hübsch anzusehen, ist aber eine der vielen nicht heimischen Arten, die zusehends für Probleme sorgen. «Der Japanische Staudenknöterich gehört zu den rund 10’000 gebietsfremden Pflanzenarten, die als Nutz-, Garten- oder Zierpflanzen im Laufe der Zeit in die Schweiz eingeführt worden sind», sagt Jan Ryser, Biologe und Geschäftsführer von Pro Natura Bern. Ab Ende des 15. Jahrhunderts fanden mit der aufkommenden Seefahrt und dem internationalen Handel neue Pflanzenarten aus Übersee ihren Weg nach Europa und auch in die Schweiz. Zum Teil seien Pflanzensamen ohne Absicht eingeschleppt worden, aber viele habe man bewusst eingeführt, erklärt der Langnauer. Einige gebietsfremde Pflanzen seien sogar noch früher mitgebracht worden; etwa von den Römern, wie beispielsweise die Esskastanie. «Von den erwähnten rund 10’000 neuartigen Pflanzen sind an die 500 Arten verwildert und fallen unter den Begriff Neophyten. Von diesen wiederum vermehrt sich rund ein Zehntel, also 50 bis 60 Arten, effizient und stark», sagt Jan Ryser. Sie gelten als invasiv. Viele dieser Arten sind jahrelang auch als Gartenpflanzen verkauft worden – und werden es zum Teil immer noch – wie zum Beispiel der Kirschlorbeer. Niemand sei sich früher bewusst gewesen, dass dies Probleme verursachen könnte, sagt Jan Ryser. 

Insekten werden umworben

Jan Ryser deutet auf die gut besonnte Stelle, an der sich an der Ilfis der Japanische Staudenknöterich breitgemacht hat. «Die invasiven Neophyten lieben helle Standorte, wo sie gut gedeihen können. Man findet sie oft an Ufern, auf lückigen Grünflächen oder aufgerissenen, kahlen Böden einer Baustelle.» Die zum Teil rasante Ausbreitung der gebietsfremden Arten bringt vielfältige Probleme mit sich. Dort, wo sie sich flächendeckend ausbreiten, verdrängen sie die heimischen Pflanzen. Manche Insekten verlieren damit ihre Nahrungsgrundlage. Andere werden von den Neophyten angelockt. «Sie treten damit in eine Art Bestäubungskonkurrenz mit den angestammten Arten. Gerade die Kanadische Goldrute wie auch das Asiatische Springkraut bieten viel Futter an, und lenken Insekten von den anderen Pflanzen ab. So werden sie auch mehr bestäubt als die anderen und können sich noch mehr verbreiten», umreisst Jan Ryser die Lage. Dazu kämen mögliche ökonomische Schäden in der Land- und Forstwirtschaft. Einige Arten wuchern als Unkräuter auf Feldern und in den Wäldern, verdrängen Pflanzen und verändern die Bodenstruktur. «Einzelne invasive Neophyten bringen Stickstoff in die Böden, was die Überdüngung fördert und andere Pflanzen schädigt. Zur Bekämpfung der Neophyten werden teilweise Gifte eingesetzt, was wiederum negative Folgen für die Biodiversität hat.» Die fremdartigen Pflanzen, die an den Ufern wuchern, unterstützen die Uferero-sion: Sterben im Winter die Pflanzen oberirdisch ab, bleibt nichts als nackter Boden zurück. 

Chemischer Krieg

Was macht diese neuartigen Pflanzen so erfolgreich, dass sie unsere einheimischen Arten verdrängen können? «Normalerweise haben Pflanzen Fressfeinde und Krankheiten, die deren Wachstum im Zaume halten. Dies ist aber bei den Neophyten oft nicht der Fall; sie haben bei uns kaum Feinde», hält Jan Ryser fest. 

Ein weiterer Faktor macht die Neophyten erfolgreich – einzelne führen einen chemischen Krieg. «Der Japanische Staudenknöterich sowie das Einjährige Berufskraut geben über die Wurzeln chemische Stoffe ab, welche andere Pflanzen schädigen.» In Fachkreisen sei diskutiert worden, ob ein Import der natürlichen Fressfeinde sinnvoll wäre, sagt Jan Ryser. Aber dazu wären umfangreiche, langjährige Tests nötig und man befürchtet, dass die Ansiedelung dieser Arten zu neuen Problemen führen könnte. 

Unterschätztes Problem

Angesichts dieser Tatsachen, wird genug unternommen, um die invasiven Neophyten zu bekämpfen? «Vielerorts herrscht noch die Meinung vor, diese seien nicht bedenklich, da die Probleme noch nicht so offensichtlich sind», hält Jan Ryser fest. Hier müsse langfristig gedacht werden, ist der Biologe überzeugt. Denn ab dem Moment, wo das Problem sichtbar werde, sei es zum Handeln oft zu spät. «Interessanterweise wurde bei der Bekämpfung von Neozooen, also eingeschleppten Tieren, häufig viel rascher gehandelt, weil die wirtschaftlichen Schäden grösser sind. Die aktive Eindämmung des aus Asien stammenden Laubholzbockkäfers ist ein gutes Beispiel», sagt Jan Ryser. Den invasiven Neophyten ganz Herr zu werden, dafür sei der Zug bereits abgefahren. Es gelte nun, die Weiterver-breitung so gering wie möglich zu halten. «Je nach Art hilft regelmässiges Jäten, das Ausstechen der Wurzeln oder das häufige Mähen, um die Pflanze zu schwächen, wie das hier an der Ilfis geschieht», zählt er ei-nige Bekämpfungsmassnahmen auf. Wichtig sei, dass man wisse, welche Methode sich am besten eigne, um nicht mehr Schaden als Nutzen anzurichten. «Fällt zum Beispiel ein Stück des geschnittenen Staudenknöterichs in den Fluss, wird dieses am Ort, an dem es strandet, wieder Wurzeln schlagen.» Gefährlich sei auch, das Schnittgut auf den Kompost zu werfen. Wird dieser dann zum Beispiel im Garten oder auf dem Feld verteilt, würden die Samen auf neue Flächen ausgebracht. 

Der Bund regelt in der Freisetzungsverordnung den Umgang mit Neophyten. Demnach sind es rund 15 Pflanzen, die auf der «schwarzen Liste» stehen und nicht verkauft oder gepflanzt werden dürfen. Seit diesem Jahr gilt in der Schweiz zudem ein Verbot für die Einfuhr von Pflanzen von ausserhalb der EU. «Aber trotzdem fehlen für eine effektive Bekämpfung ein schlagkräftiges Konzept sowie die Ressourcen. Auch die Zuständigkeiten sind nicht klar geregelt.» Die Verantwortung werde häufig von den Kantonen auf die Gemeinden sowie auf die Grundeigentümer abgewälzt.


Unter www.infoflora.ch finden sich Artenporträts, Listen und Informationen zu Neophyten.