Die Poesie der leisen Töne

Die Poesie der leisen Töne
Francesco Micieli begeisterte und berührte das Publikum mit seinen warmherzigen und gehaltvollen Geschichten. / Bild: Gabriel Anwander (agl)
Langnau: Vergangene Woche fand das Berner Literaturfest statt. Über vierzig Autorinnen und Autoren stellten ihre neusten Werke vor – so auch in der Regionalbibliothek Langnau.

Der Autor Francesco Micieli las am Freitagabend in der Regionalbibliothek Langnau zwar vor gesondert sitzendem, aber deswegen nicht minder begeistertem Publikum. Um es vorwegzunehmen: Micielis Bücher sind keine dicken Wälzer, sondern literarische Schmuckstücke. Sie sind dünn, aber gehaltvoll, die Texte klar und knapp, die Inhalte hingegen feinsinnig, versponnen und mehrschichtig. Denkanstösse in kultivierter Form. Die Figuren in den Geschichten sind meistens auf der Suche nach ihrer eigenen Identität. 

Suche nach der Seele der Welt

Im Buch «Hundert Tage mit meiner Grossmutter» betrachtet der jugendliche Ich-Erzähler die im Spitalbett liegende Grossmutter und wartet auf die Lebensweisheiten, die sie ihm zuvor versprochen hat. «Vergleiche dich nie mit anderen», rät sie ihm, «denn Vergleichen macht nur unglücklich.» Weil sie zunehmend wenig spricht, schweifen seine Gedanken vermehrt ab. Ihr Anblick erinnert ihn an eine welkende Kamille, und er sieht sich im nächsten Augenblick als Bub, der versuchte, seine Grossmutter mit sportlichen Leistungen zu beeindrucken. Bei einem der nächsten Besuche trifft er ihr Bett leer an. Er ist in höchstem Masse beunruhigt, eilt durch die Gänge und findet sie schliesslich friedlich schlafend in einem Wäscheschrank. Sie sei auf der Suche nach der Seele der Welt hier gelandet, erklärt die 93-Jährige.

Grosse Themen in schmalem Band

Francesco Micieli las im zweiten Teil aus seinem neusten Buch «Vom Verschwinden der Cousine.» Derselbe Ich-Erzähler wie im vorherigen Buch erzählt aus dem Leben seiner verheirateten Cousine. Seine Berichte und Kommentare sind verwirrend und gleiten bisweilen ab ins Traumhafte. Rasch wird klar, dass der junge Mann unsterblich in die Cousine verliebt ist. Micieli gab denn auch zu verstehen, dass man dem Erzähler im Buch wegen seiner Verliebtheit nicht trauen könne. Längst sei nicht alles wahr, was der Mann berichte, vieles sei blosses Wunschdenken. Der Autor verwebt in dem schmalen Band grosse Themen wie Liebe, Kinder, unerwünschte Schwangerschaft, Freundschaft und Tod mit einer meisterhaften Leichtigkeit zu einem fast feierlichen Stimmungsbild. Kurz: Poesie in leisen Tönen. Am Schluss wollte eine Zuhörerin von Micieli wissen, ob er die Stoffe für seine Erzählungen immer aus seiner Familie beziehe. Er bejahte die Frage und führte aus, er nehme zwar Geschichten aus seiner stattlichen Verwandtschaft als Ausgangslage, aber das allein genüge nicht. Massgebend sei, wie man eine Geschichte erzähle. Man müsse daran arbeiten, bis sie tragbar werde, so entstehe Literatur.