Zu viel um die Ohren…

«Was hast du gerade gesagt?», brüllte ich ins Telefon. Ich sass auf unserer Terrasse und plauderte fernmündlich mit meiner Schwester. Als sie mir gerade etwas Wichtiges erzählen wollte, knatterten mal wieder Jugendliche auf ihren bereiften Rasenmähern vorbei – so nenne ich diese Töfflis. Bevor ich hier anfange, mich zu beschweren, möchte ich betonen, dass ich weder etwas gegen Jugendliche noch gegen ihre Unabhängigkeit habe, die diese rollenden Kreissägen für sie darstellen. Mein Problem ist nur: Ich höre zu gut. 

Vor knapp 20 Jahren machte ich eine Ausbildung in Sachen Kommunikation. In einem Workshop wurden so genannte Repräsentationssysteme thematisiert. Im Klartext: Mit welchem Sinn nehmen wir unsere Umwelt hauptsächlich wahr? Die meisten Menschen, so erfuhr ich, sind visuell ausgerichtet. Nicht umsonst heisst es: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Zwei weitere Wahrnehmungskanäle sind auditiv (hören) und kinästhetisch (fühlen). Auch hier gibt es Redewendungen wie «Ganz Ohr sein» oder «Etwas läuten hören». Gefühlsmenschen können eher etwas mit «sich
zusammenreissen» und auch «auf die Palme bringen» anfangen. 

Wer wie gepolt ist, wurde anhand eines Tests mit vielen Fragen ermittelt. Dabei kam bei mir heraus, dass ich meine Wirklichkeit übers Hören zusammenbaue. Denn ich reagierte sogar auf rein visuelle Fragen auditiv. Zum Beispiel: Welcher ihrer beiden Elternteile hatte die kürzeren Haare? In meinem Kopf war kein Bild meines Vaters aufgetaucht, aber ich hörte seine Stimme in meiner Erinnerung. Verrückt, oder? Menschen, die lachen ohne zu lachen, höre ich. Leute, die sich entschuldigen, aber es nicht ehrlich meinen, höre ich. Personen, die versichern, dass es ihnen gut geht, dabei geht es ihnen bescheiden, höre ich. Ich höre alles. Ich weiss genau, wie es meiner Katze Heidi geht (ja, sie lebt immer noch), wenn sie mir etwas mitteilt. Ich erkenne Lieder nach ein paar Tönen und Stimmen nach dem ersten Wort.

Das Ganze hat aber auch angenehme Seiten. Denn ich kann mir bewusst einen Ohrwurm zulegen. Dazu suche ich mir aus, mit welcher Melodie ich die nächsten Stunden verbringen möchte, ganz ohne Kopfhörer. Praktisch, gell? Andererseits könnte ich nie mit Kopfhörern draussen rumlaufen, weil mich das ja von meiner Wirklichkeit abschneiden würde. Schade eigentlich, denn dann würde ich all diese fies klingenden Töfflis auch nicht mehr hören. Ich möchte ihnen aber jetzt nicht weiter die Ohren volljammern. Schliesslich wird es auch mal wieder Winter, und die Dorfjugend fährt dann Bus.