Von echten und von Pseudogebeten

In einer jüdischen Weisheitsgeschichte wird von einem Rabbi erzählt, der von einer Gruppe gebeten wurde, im Bethaus mit ihnen zu beten. Er antwortete dem Bittstellern: «Ich kann das hier nicht tun.» – «Warum nicht, Rabbi?» – «Das Bethaus ist bis zu Decke mit euren Gebeten vollgestopft», war seine Antwort. 

Und dies wollte er damit sagen: «Eure Gebete sind nicht bei Gott angekommen.»

Fragen wir uns ehrlich: Wie ist das mit unserem Beten? Welche Gebete können bei Gott nicht ankommen? 

Ich denke, dass es die Pseudogebete sind, nämlich jene, die den Namen Gebet nicht verdienen, da sie nur um den Bittenden und seine oft so egoistischen Wünsche kreisen. Ich nenne sie Pseudogebete, weil sie zu keiner der Vaterunser-Bitten passen; denn am «Vater Unser-Unser Vater» muss jedes persönliche Gebet Mass nehmen. Sonst bleibt es an der Decke unserer Ichbezogenheit kleben und kann nicht zu Gott aufsteigen.

Hier noch eine Meditation zum Vaterunser:

Sage nie VATER, wenn du dich nicht wie ein Sohn oder wie eine Tochter benimmst.

Sage nie UNSER, wenn du in deiner Selbstsucht gefangen bist.

Sage nie IM HIMMEL, wenn du nur an das Irdische denkst.

Sage nie DEIN NAME WERDE GEHEILIGT, wenn du nur an deine eigene Ehre denkst.
Sage nie DEIN REICH KOMME, wenn du dabei an materiellen Erfolg denkst.

Sage nie DEIN WILLE GESCHEHE, wenn du ihn ablehnst, weil er dir missfällt.

Sage nie GIB UNS HEUTE UNSER TÄGLICHES BROT, wenn du dich nicht um die Notleidenden kümmerst.

Sage nie VERGIB UNS UNSERE SCHULD, wenn du Rache gegen deine Mitmenschen hegst.

Sage nie FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG, wenn du dich ihr selbst aussetzt.

Sage nie VERSCHONE UNS VOR DEM BÖSEN, wenn du dich nicht konsequent für das Gute einsetzt. 

Sage nie AMEN, wenn du die Worte des VATER UNSER nicht ernst nimmst.

30.07.2020 :: Rudolf Vogel