Brösmeli

Ich liebe ja Ordnung und Sauberkeit, jedoch fühlt es sich manchmal so an, als würde ich noch während des Aufräumens und Putzens hinter mir eine Dreckspur herschleppen.

Ich komme mir vor wie die Frau von Herrn Sisyphos höchst persönlich. (Sisyphos ist dieser Mann, der den Stein, der immer wieder vom Berg rollt, unermüdlich auf den Berg zurückschiebt.)

Ich wasche also ab und schrubbe, bis die ganze Küche blitzeblank funkelt. 

Nach einer genüsslichen Viertelstunde der Genugtuung verspüre ich dieses Grummeln im Bauch und es gelüstet mich nach einem Honigschnitteli. Also nehme ich ein kleines Brättli und ein frischpoliertes Brotmesser aus dem Schrank. Ich versuche so vorsichtig wie möglich, auf der blitzeblank geputzten Fläche, mir eine Scheibe Brot zu schneiden. Schon beim Aufsetzen des Messers fallen meist die ersten,
fiesen Brösmeli weit über das Brättli auf die Arbeitsfläche. Der Honig fehlt noch! Also lege ich das Brot auf die Ablage und spare mir den Teller, da ich den ja erst gerade abgewaschen habe. Dann fülle ich einen ordentlichen Löffel voller flüssigen Honig und etwas davon geht ganz sicher, egal wie achtsam ich das mache, auf die Küchenablage. Schon habe ich nur 20 Minuten nach dem Saubermachen eine Brösmelimarinade auf der saubergeputzten Ablage. 

Was dann passiert, ist eine Folge von Folgefehlern, wie sie sonst nur in der Mathematik vorkommen und die mit meinem genüsslichen Gemüt zu erklären sind. 

Ich denke dann: «Ach, ich geniesse zuerst das Honigschnitteli und mache danach wieder alles sauber», und watschle mit dem Schnitteli auf die Terrasse. Dabei tropft nochmals etwas Honig runter auf den Boden, wobei ich denke, das putze ich dann gleich mit der Brösmelimarinade. Ich lege das Honigschnitteli draussen auf den Tisch und schaue genüsslich auf das Alpenpanorama. Beim Verzehr tröpfelt ein wenig vom Honig auf den Tisch. Auch die Kleider krümle ich voll, weil ich keinen Teller habe, da ich ja den, wie Sie wissen, erst gerade abgewaschen habe. Ich pützle die Krümel dann vom Pulli runter auf den Boden, da ich den ja sowieso putzen muss. Nach dem Verzehren des Schnittelis stehe ich auf. Meistens schlurfe ich ungewollt zuerst in den Honig rein, der am Boden noch klebt, verteile den bei jedem weiteren Schritt in der Wohnung, die letzten Krümel fallen vom Pulli und marinieren somit auch den Küchenboden. Ich nehme den Waschlappen und fange wieder an, alles in Ordnung zu bringen, während ich leise fluchend denke: «Die Frau von Sisyphos zu sein, ist ein echter Fulltimejob!»

23.07.2020 :: Fabienne Krähenbühl