Anders sehen

Anders sehen
Wie fühlen sich Blüten an? Johanna Fankhauser tastet und riecht. Mit dem Schicksal, blind zu sein, hadert sie nicht: «Ich wurde von Gott so bestimmt, wie ich bin.» / Bild: zvg
Serie «Eingeschränkt leben»: Pfarrerin Johanna Fankhauser ist geburtsblind. Nichts sehen zu können, könne jedoch auch seine Vorteile haben, sagt sie.

«Ich finde es schön, die Leute von hier, die mir immer wieder begegnen, an der Stimme zu erkennen», sagt Johanna Fankhauser. Dies sei für sie ein Indikator dafür, in der Gemeinde angekommen zu sein. Seit zweieinhalb Jahren lebt und arbeitet die Pfarrerin in Bowil. Sie möge und schätze die Menschen hier. Einzig mit dem Bahnhof kann sie sich nicht anfreunden, wegen der nach wie vor grossen Unfallgefahr beim Ein- und Aussteigen. «Ich kann ja nicht spontan das Velo oder das Auto nehmen», verdeutlicht Johanna Fankhauser das Problem. «Diese eingeschränkte selbstbestimmte Mobilität macht mich, so seltsam es klingen mag, hier blinder als beispielsweise in Bern.» Oft ist die Pfarrerin zu Fuss anzutreffen mit ihrem Partner und Assistenten oder mit der elfjährigen Blindenführhündin Stella an ihrer Seite. Auf sicheren Feldwegen lässt sie Stella manchmal von der Leine. «Frei zu gehen und dabei die Arme schlenkern zu lassen, geniesse ich jeweils sehr», sagt Johanna Fankhauser. Sonst habe sie unterwegs immer einen Arm angewinkelt: Sei es, weil sie sich am Führgeschirr von Stella hält oder am Arm eines anderen Menschen. Auch zu Hause in den eigenen vier Wänden sind die Hände oft in Bewegung: Sie dienen zur Orientierung, zum Ertasten von Gegenständen oder zum Lesen der Brailleschrift (Blindenschrift).

Erholung statt Ausgang 

Ebenso essentiell wie ihr Tastsinn ist für Johanna Fankhauser ihr Gehör. Viele Sehende wüssten nicht, dass man dieses je nach Bedarf auf Nähe oder Weite einstellen könne, verrät sie. Das konzentrierte Nahhören braucht die 50-Jährige beispielsweise, um sich nähernde Fahrzeuge auf der Strasse erkennen zu können. In die Weite zu hören sei viel entspannender, beschreibt sie. Da höre sie Vögel und andere Geräusche, die sie ansonsten nicht wahrnehme. Johanna Fankhauser ist eine aufmerksame Gesprächspartnerin. Wenn sie jedoch mit mehreren Personen gleichzeitig redet oder an einer Sitzung teilnimmt, erfordert dies ihre volle Konzentration. «Da ich keine Mimik oder Gestik erkenne, dauert es jeweils einige Zeit, bis ich mir ein Bild von einer Stimmung oder einer Situation machen kann.» Immer fokussiert zu bleiben, ist anstrengend. Besonders früher im Gymnasium sei ihr dieser Unterschied zu den sehenden Mitschülern aufgefallen, erzählt Fankhauser. «Ich war immer müde und brauchte meine ganze Freizeit, um mich zu regenerieren.» Das habe sie manchmal schon etwas gewurmt, weil sie abends schlicht keine Energie mehr hatte, um mit den anderen in den Ausgang zu gehen. Dennoch hadert Johanna Fankhauser keineswegs mit ihrem Schicksal: «Für mich ist der Glaube daran sehr wichtig, dass ich von Gott so bestimmt worden bin wie ich bin», sagt die von Geburt an blinde Theologin. In Gott habe sie ein Gegenüber, dem sie danken, aber sich auch mal bei ihm über etwas beschweren könne. Es gehöre dazu, auch mal verzweifeln zu dürfen und trotzdem ein fröhlicher Mensch zu sein. Manchmal, im Gespräch mit anderen Leuten, sei es auch ein Vorteil, eigene Einschränkungen zu haben. «Ich bin immer froh, wenn ich jemandem, der wegen einer Krankheit oder Operation zu erblinden droht, die Angst davor vermindern kann.»

Lange Telefonate und backen

Der spezielle Frühling 2020 hinterliess auch im Bowiler Pfarrhaus seine Spuren. Wegen des Corona-Lockdowns war plötzlich die immer volle Agenda leer. Als Pfarrerin und Seelsorgerin gaben Johanna Fankhauser jedoch in erster Linie die vielen Schicksale von gesundheitlich oder wirtschaftlich Betroffenen zu denken. Weil keine Gottesdienste stattfanden, konnte sie sich dafür Zeit nehmen, lange Telefongespräche mit Menschen aus ihrer Gemeinde zu führen. Gleichzeitig machte sie das Beste aus ihrer persönlichen Situation. Sie schrieb Geschichten und nutzte die freie Zeit, um Neues zu wagen. «Jetzt, mit 50 Jahren, lernte ich, alleine zu backen!», sagt sie fast ein wenig verlegen, aber auch stolz. Dem Backofen gegenüber sei sie sonst eher misstrauisch. Beim Kochen hingegen habe sie besser die Kontrolle darüber, was in den Pfannen gerade passiert. Im Weiteren wurde Johanna Fankhauser von Radio Tell angefragt, um bei der Sendung «Chraftfueter» mitzumachen. Die selbst aufgezeichneten «ermutigenden Worte in stürmischen Zeiten» haben die teilnehmenden Pfarrpersonen ans Radio geschickt, wo diese ausgestrahlt wurden. «Einmal haben wir das improvisierte Tonstudio in unserer Waschküche aufgestellt», erzählt Johanna Fankhauser und schmunzelt. Da gab es weder Hall noch Hintergrundgeräusche. Not macht nicht nur erfinderisch sondern auch kreativ. Johanna Fankhauser und ihr Partner besitzen inzwischen wegen Corona eine ansehnliche Kollektion unterschiedlicher, mit Filtern ausgestattete, waschbare Gesichtsmasken in verschiedenen Farben und passend zu verschiedenen Anlässen. Geschneidert hat sie ihr Partner, der sich dafür selber das Nähen auf der Nähmaschine beigebracht hat. «Wir sind beide bekennende Schutzmaskenfans», so Johanna Fankhauser. In ihrem Fall hat dies einen ganz bestimmten Grund: «Bin ich unter Leuten, merke ich zwar ungefähr, wie nah ich einer Person komme. Wenn aber jemand die Sicherheitsdistanz unterschreitet, kann ich nicht ausweichen.» Übrigens seien Blinde immer froh um Informationen, beispielsweise wenn plötzlich Baustellen und Hindernisse im Weg stehen, die vorher nicht da waren, oder wenn ein Zug auf einem anderen Gleis einfährt als gewöhnlich. 

Was können Sehende von Blinden lernen? Zum Beispiel Situationen auszuhalten und warten zu können. Dies sei nämlich erlernbar. Ansonsten fordert Johanna Fankhauser die Sehenden auf: «Braucht eure Ohren, Nasen und Füsse!»